Musik Markus Nass/SOMM

5. April, 2017

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SOMM-Chef Daniel Knöll: „Wir brauchen wieder mehr Musiker, zu denen man aufblicken kann“

5. April 2017 – Zum Start der Musikmesse Frankfurt am 5. April 2017 sprach smalltalk mit Daniel Knöll, dem Geschäftsführer des Verbands SOMM – Society Of Music Merchants. Im Interview geht’s u.a. um die Lieblingsinstrumente der Deutschen, um die Bedeutung des Musikunterrichts an Schulen und nicht zuletzt um die Frage: Was hat das Washingtoner Artenschutzübereinkommen CITES mit Musik zu tun?

smalltalk: Herr Knöll, pünktlich zum Beginn der Musikmesse in Frankfurt hat Ihr Verband SOMM die Zahlen für das vergangene Jahr vorgelegt. Demnach verzeichnete die deutsche Musikinstrumentenwirtschaft 2016 ein Umsatzplus von 5,4 Prozent. Gibt es einen Trend zu mehr Musikmachen und damit zum verstärkten Instrumentenkauf?

Daniel Knöll: Musikmachen liegt weiter im Trend. Laut aktueller JIM-Studie hat das Musikmachen im Leben von Jugendlichen auch weiterhin einen hohen Stellenwert. So machen ein Fünftel der Teenager mindestens einmal pro Woche Musik – Mädchen übrigens mehr als Jungen. Mit Blick auf die letzte Dekade wird deutlich, dass das aktive Musizieren an Bedeutsamkeit zugenommen hat. Das freut uns natürlich sehr. Gerade vor dem Hintergrund, dass es für Zwölf- bis 19-Jährige heute eine enorme Auswahl multimedialer Freizeitgestaltung gibt.

smalltalk: Welche Instrumente sind bei den Deutschen besonders beliebt? Gibt es vielleicht besonders ausgefallene oder innovative Instrumente?

Daniel Knöll: Nach wie vor steht die Gitarre hoch im Kurs. Sie ist und bleibt der Deutschen beliebtestes Instrument. 15,9 Prozent der Musizierenden spielen dieses Saiteninstrument, das damit auf dem ersten Platz der Beliebtheitsskala landet. Gefolgt wird die Gitarre von der Blockflöte mit 14,4 Prozent und dem Klavier mit 12,0 Prozent. Aber natürlich gibt’s auch besonders ausgefallene Instrumente. Beispielsweise wurde eine Gitarre mit tausenden von Edelsteinen besetzt. Kuriositäten sind immer gefragt. Aber das gilt für unsere Branche genauso wie für viele weitere Konsumgüter. Seit einigen Jahren werden außerdem Custom-Made-Produkte immer mehr angefragt. Das Individuelle hält also Einzug in die Instrumentenwelt.

smalltalk: Wer macht heute überhaupt Musik? Die meisten Menschen lernen ein Instrument als Kinder und Jugendliche.

Daniel Knöll: Ja, das ist richtig. Obwohl wir auch hier deutlich merken, dass der Zugang erschwert wird, weil Musikunterricht in Deutschland immer häufiger nicht mehr auf den Stundenplänen der Schulen steht. Traurig aber wahr.

smalltalk: Und was ist mit den Älteren? Gibt’s da vielleicht auch einen Trend zum Instrument?

Daniel Knöll: Für das Erlernen eines Instruments ist man grundsätzlich nie zu alt. Jeder kann es. Und im Alter hat man meistens auch wieder mehr Zeit. Also bietet es sich förmlich an, Freizeit mit einem Musikinstrument zu verbringen und damit auch Zeit für sich zu haben.

Daniel Knöll: „Derzeit nutze ich den Abstand zum Instrument für meine Position im Job."

smalltalk: Bei allen positiven Nachrichten aus der Branche gibt es aber auch einige Misstöne, die ausgerechnet mit dem Thema Umwelt- und Artenschutz zusammenhängen. So wurde im Oktober auf der 17. CITES-Vertragsstaatenkonferenz beschlossen, den Handel mit zahlreichen Holzarten zu verbieten. Warum trifft dies die Instrumentenbranche und dabei ganz besonders den deutschen Markt?

Daniel Knöll: Die Auswirkungen sind wirklich weitreichend. Mit dem Beschluss wurden zahlreiche Holzarten, die auch in Musikinstrumenten Verwendung finden, in CITES Anhang II gelistet. Der Handel mit Produkten, die diese Hölzer beinhalten, wird dadurch massiv beeinträchtigt und erschwert. Die CITES-Änderungen und die in der Folge für die Bundesartenschutzverordnung geltenden Auswirkungen stellen unsere Branche vor enorme Aufgaben. Und sie führen definitiv zu massiven wirtschaftlichen und kulturpolitischen Schäden. Bedingt durch eine erweiterte Buchführungspflicht sieht sich darüber hinaus der Musikfachhandel in Deutschland maßgeblich gegenüber dem Musikfachhandel im europäischen Ausland beeinträchtigt, ja sogar diskriminiert. Ein Zustand den wir nicht akzeptieren können. Übrigens, damit das keiner falsch versteht: Wir bekennen uns ausdrücklich zum Umwelt-, Natur- und Artenschutz.

smalltalk: Welche Instrumentengruppen sind von diesem Problem betroffen?

Daniel Knöll: In der Regel sind das Musikinstrumente, die mit Holz bestückt sind. Es kann aber auch um andere geschützte Materialien gehen. Im Kern sind Gitarren, Streichinstrumente, Holzblasinstrumente aber auch Schlagzeuge betroffen.

smalltalk: Wie ließe sich aus Sicht der SOMM der aus dem CITES-Beschluss resultierende Umsatzrückgang für die deutsche Musikinstrumenten- und Musikequipment-Branche doch noch stoppen?

Daniel Knöll: Das ist sehr schwer einzuschätzen. Dazu müssen viele Faktoren stimmen. Hier geht es um Im- und Export-Richtlinien. Hier geht es um aufwendige Buchführungspflichten und Behördengänge. Hier geht es aber auch darum, gezielt in die „künstliche“ Natur eingreifen zu können – also Plantagennutzung. Und es geht darum Substitute zu finden.

smalltalk: Ein weiteres wichtiges Thema für Ihre Branche ist das Thema Musik an den Schulen. Sie haben es eben schon angesprochen. Was bedeutet der Rückgang der Unterrichtsstunden für die Kinder und Jugendlichen? Und: Welche Auswirkungen hat das auf den Absatz von Musikinstrumenten?

Daniel Knöll: Der seit Jahren ausbleibende Musikunterricht an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland ist ein Hemmschuh für eine kontinuierliche Fortführung eines steigenden Absatzmarktes. Für die Schüler bedeutet das, dass immer weniger Kinder und Jugendliche Kontakt zu Musikinstrumenten finden und damit keine Zeit zum aktiven Musikmachen haben. Für unsere gesamte Branche bleibt dies nach wie vor die größte Herausforderung. Wie beim Thema CITES muss der Gesetzgeber handeln – und zwar unverzüglich. Das ist keine Bagatelle. Denn hier geht es um den Stellenwert von Musik in der Gesellschaft und den Erhalt von Kulturgut. Darüber hinaus geht es uns natürlich auch um den Wettbewerb, den Erhalt von Unternehmenskultur und die Wirtschaftlichkeit einer ganzen Branche mit zahlreichen Arbeitsplätzen.

smalltalk: In früheren Zeiten waren es vor allem prominente Musiker, die junge Menschen zum Erlernen eines Instruments inspirierten. Heute stehen Instrumentalisten eher im Hintergrund. Prominent sind vor allem Rapper. Werden heute weniger Gitarren aber dafür mehr Mikrofone gekauft als früher?

Daniel Knöll: Jein, so einfach ist das nicht. Ich gebe Ihnen Recht, dass laut unserer Statistik mehr Mikrofone und Kopfhörer gekauft wurden und dass diese Produktgruppe besonders gut abgeschnitten hat. Das sind Trendprodukte und wir profitieren hier ganz klar von einem Consumer Market. Das freut uns sehr. Aber unser Kerngeschäft liegt weiterhin bei den klassischen Instrumenten. In einem Punkt stimme ich Ihnen allerdings zu: Es fehlt heute an großen Vorbildern. Wir brauchen wieder mehr Musiker, zu denen man aufblicken kann.

smalltalk: Spielen Sie eigentlich selbst ein Instrument?

Daniel Knöll: Nein. Und das ist auch gut so. Ich könnte mich nicht festlegen. Aber letztendlich hat es mit meinem Willen zu tun. Derzeit würde ich nicht dazu kommen, ein Instrument zu spielen. Ich weiß, das ist wieder eine Ausrede wie bei vielen Menschen. Ich denke aber, dass ich irgendwann einmal die Zeit finden werde. Derzeit nutze ich den Abstand zum Instrument für meine Position im Job. Es ist wichtig, Abstand zu halten, um so Ideen und Innovationen mehr Platz einzuräumen.

smalltalk: Herr Knöll, vielen Dank für dieses Gespräch.

Fotos © Markus Nass/SOMM

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