Musik Foto: Kate Bellm

1. Juni, 2017

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Natalia Avelon: „Liebe treibt mich an“

1. Juni 2017 – Die deutsch-polnische Musikerin und Schauspielerin Natalia Avelon sprach mit smalltalk über ihr Debüt-Album „Love Kills“, das gerade bei Sony Music erschienen ist. Die Arbeit an den Songs habe sie zu ihrem Ursprung zurückgeführt – wovon nun auch ihre Schauspielerkarriere profitieren werde. Darüber hinaus erinnert sich die Künstlerin auch an ihre Kindheit in Polen – und sie beobachtet die derzeitigen politischen Entwicklungen mit Sorge.

smalltalk: Natalia, wie fühlt es sich an, mit „Love Kills“ endlich das schon so lange von dir geplante Debütalbum auf den Markt gebracht zu haben?

Natalia Avelon: Ich bin der glücklichste Mensch auf Erden! Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, die Lieder im Radio zu hören und die Reaktionen der Leute zu lesen. Die Krönung von allem ist die Live-Performance auf der Bühne. In der Musik habe ich meine zweite Berufung gefunden, die mich komplett ausfüllt.

smalltalk: Zehn Jahre ist es her, dass du mit der Hauptrolle als Uschi Obermaier in „Das wilde Leben“ deinen Durchbruch hattest. Was bedeutet dir der Film aus heutiger Sicht?

Natalia Avelon: Der Film hat mein Leben komplett verändert und mich als Künstlerin in jeglicher Hinsicht weitergebracht und beeinflusst. Es waren sehr besondere Dreharbeiten an besonderen Orten mit tollen Menschen, die heute noch zu meinem engen Freundeskreis gehören. Ein solches Projekt kommt leider nur alle Jahre mal wieder.

smalltalk: Stimmt es, dass du die Rolle anschließend eher als Bürde denn als Segen empfunden hast?



 

„Man hat mir ständig vorgeworfen, ‚zu sexy‘ zu sein“

Natalia Avelon: Ich musste mich mit vielen Vorurteilen auseinandersetzen, die ich so von der Branche nicht erwartet habe und auf die ich in meiner offenen Einstellung meinem Beruf und der Kunst gegenüber so nicht vorbereitet war. Die 60er Jahre sind nun mal bekannt für ihren freizügigen und rebellischen Umgang mit Eingrenzungen, Vorschriften und der Sexualität. Ich hatte allerdings das Gefühl, für meinen offenen Umgang mit der Thematik bestraft zu werden, indem man mir ständig vorgeworfen hat „zu sexy“ für die meisten Rollen zu sein. Das verstehe ich bis heute nicht. Ich setze mich aber damit nicht mehr auseinander. Wer mit mir drehen will, der wird das schon tun. Wenn nicht, sind es sowieso nicht die richtigen Partner für mich.

smalltalk: Für „Das wilde Leben“ hast du damals mit Ville Valo von HIM den Song „Summer Wine“ aufgenommen. Die Single erreichte u.a. Platz 2 der deutschen und Platz 1 der finnischen Charts. Warum hast du nicht direkt weiter Musik gemacht? War dir nach deinem Studium der Theaterwissenschaften das Schauspiel erst einmal wichtiger?

Natalia Avelon: Ich war als 27-jährige Debütantin ein Spätzünder in der Branche. Ich habe erst einmal Zeit gebraucht, um mich in dieser neuen Welt überhaupt zurechtzufinden. Es dauert in der Kunst manchmal eben auch etwas länger, bis man seinen Platz gefunden hat. Mir war Schauspiel so unglaublich wichtig, dass ich mich zunächst darauf fokussieren wollte, um sozusagen „alles richtig zu machen“. Doch man kann nie alles richtig machen. Das ist auch schrecklich langweilig! Davon habe ich mich jetzt freigeschwommen. Gott sei Dank!

smalltalk: Wie kam es dazu, dass du dich mit „Love Kills“ nun wieder der Musik zuwendest?

Natalia Avelon: Ich habe auf meinem Weg endlich die richtigen Leute getroffen, die an mich geglaubt haben und mich motiviert haben, meine Selbstzweifel und Bedenken über Bord zu werfen. Da sind zum Beispiel Chad Hugo, mein großes Idol, Guy Chambers, den ich sehr schätze, und meine Plattenfirma, die mir das Gefühl gegeben hat, hinter mir zu stehen und mich nicht verändern zu wollen. Da gab es endlich kein „zu sexy“ mehr. Man hat die Arbeit für sich sprechen lassen und dafür bin ich sehr, sehr dankbar.

smalltalk: Da du gerade Guy Chambers nennst – welchen Einfluss hatte er, der ja als Songwriter und Produzent bereits sehr erfolgreich mit Robbie Williams gearbeitet hat, auf dein Album? Auch Chad Hugo von N.E.R.D. ist ja ein höchst prominenter Name. Was hast du von der Arbeit mit ihnen für dich mitgenommen?

Natalia Avelon: Ich habe gelernt, loszulassen, sich nicht kleinzumachen und an sich selbst zu glauben. Wenn dir deine Idole ihre wertvolle Lebenszeit schenken, um mit dir zu arbeiten, dann muss man 200 Prozent geben und sich auch einfach mal darüber freuen und es dankbar genießen.

smalltalk: Für „Love Kills“ hast du mit weiteren prominenten Musikern zusammengearbeitet. Wie war es mit dem Die Ärzte-Schlagzeuger Bela B das Stück „Dark Desires“ aufzunehmen?

Natalia Avelon: Bela B ist ein Rockstar! Ein Profi und ein absolut kollegialer und sympathischer Mensch. Es war ein großes Kompliment für mich, dass er meinen Song gut fand und mir seine Zeit und Energie geschenkt hat.

smalltalk: Was bedeutet eigentlich der Titel des Albums, „Love Kills“? Stecken dahinter eigene Erfahrungen?



 

„Liebe kann Berge versetzen“

Natalia Avelon: Das Album ist schon autobiografisch. Wenn man mich fragt, was mich im Leben antreibt, ist es nicht Macht oder Erfolg. Das sind schöne Nebenerscheinungen. Liebe treibt mich an. In all ihrer brachialen Kraft. Sie kann Berge versetzen, aber auch alles niederbrennen. Und genau diese Erlebnisse habe ich musikalisch ausgedrückt.

smalltalk: Was verbindet deiner Meinung nach Schauspiel und Musik miteinander und inwiefern kannst du diese Verbindung als Sängerin einsetzen?

Natalia Avelon: Ohne Musik und Film könnte ich nicht leben. Das geschriebene Wort auf die Leinwand zu bringen oder es musikalisch auszudrücken und es mit Leben zu füllen und diese Liebe dann mit anderen zu teilen, ist pure Magie. Die Musik hat mich wieder zu meinem Ursprung geführt. Zu mir. Und davon wird mein Schauspiel jetzt definitiv profitieren.

smalltalk: Apropos Ursprung, 1989 bist du im Alter von neun Jahren von Polen aus mit deinen Eltern nach Baden-Württemberg gekommen. Ihr seid damals in Ettlingen gelandet. Führt dich heute noch gelegentlich etwas dorthin zurück? Was verbindest du mit Ettlingen?

Natalia Avelon: Ettlingen ist ein wunderschönes Städtchen, wo ich mich gerne zurückziehe und einfach nur die Wälder, Berge und Wiesen genieße. Nicht zu vergessen das gute Essen und den Wein! Meine Eltern leben dort. Es wird immer mein Zuhause bleiben.

smalltalk: Welche Beziehung hast du zu deiner Geburtsstadt Breslau bzw. Wrocław?

Natalia Avelon: Ich bin sozusagen ein Stadtmensch, der zum Landei mutiert ist, um dann wieder in den Großstadtdschungel Berlin zurückzukehren. Breslau ist wirklich eine tolle Stadt. Und Polen entwickelt sich unglaublich weiter. Ich bin Deutsch-Polin. Ich trage beide Länder in meinem Herzen. Das wird auch immer so bleiben. Breslau wird immer Kindheitserinnerungen in mir wecken: wie aus dem Zoo entflohene Tiere vor unserem Küchenfenster saßen, die Filmstudios gegenüber unserem Haus, meine Anfänge beim Ballett, meine erste große Bühne in der Staatsoper. Da werde ich richtig nostalgisch.

Natalia Avelon: „Die Krönung von allem ist die Live-Performance.“ Anfang des Jahres stellte sie mit ihrer Band schon mal einige Songs des Albums „Love Kills“ bei einem Showcase im Berliner Blackbird Music Studio vor. (Foto: smalltalk/Kaan Karaismail)

Natalia Avelon: „Die Krönung von allem ist die Live-Performance.“ Anfang des Jahres stellte sie mit ihrer Band schon mal einige Songs des Albums „Love Kills“ bei einem Showcase im Berliner Blackbird Music Studio vor. (Foto: smalltalk/Kaan Karaismail)

 

„Die Welt ist momentan etwas aus den Fugen geraten“

smalltalk: Fast drei Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhang leben wir heute sowohl in Polen als auch in Deutschland wieder in politisch bewegten Zeiten. Ein bisschen so wie in Uschi Obermaiers 68er Jahren. Wie politisch ist Natalia Avelon?

Natalia Avelon: Ich verfolge die aktuellen Geschehnisse schon besorgt. Die Welt ist momentan etwas aus den Fugen geraten und ich frage mich, wohin diese Reise führen wird. Die Versprechungen seitens der Politik sehe ich realistisch und eher skeptisch.

smalltalk: Wie sieht das mit der Politik in Polen aus? Die Regierung der nationalkonservativen PiS irritiert viele Menschen in Deutschland und anderen EU-Staaten. Auch Polen selbst ist gespalten. Wie denkst du über diese Entwicklung in deinem Geburtsland? Wie berührt dich das?

Natalia Avelon: Ich unterhalte mich oft mit meinen Eltern über die aktuelle Lage Polens, erlaube mir momentan aber noch keine Meinung, da ich mich tiefer in das Thema einarbeiten muss. Ich war in den letzten zwei Jahren absolut auf meine Arbeit fokussiert, eingeschlossen im Studio und bin kein Fan von oberflächlichem Wissen und Pseudomeinungen.

smalltalk: Trotzdem die Frage: Inwieweit kann oder muss man als Künstlerin heute politisch sein?

Natalia Avelon: Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich engagiere mich für Themen, hinter denen ich authentisch stehen kann. Ich habe keine Angst davor, meine Meinung auszusprechen oder zu agieren. Vor allem nicht dann, wenn ich etwas oder jemandem helfen kann. Ich möchte dazu beitragen, dass unsere Welt ein Ort ist, an dem Werte wie Respekt, Toleranz, Mitmenschlichkeit, Courage und solche Dinge dominieren und nicht Hass, Fanatismus und Scheinheiligkeit. Ich bin kein Mitläufer und kein Windfähnchen, sondern versuche in meinem, wenn auch kleinen Kreis, allem, was unmenschlich ist, entgegenzuwirken und mich für Sinnvolles und Gutes, was positive Auswirkungen hat, einzusetzen.

smalltalk: Noch eine persönliche Frage: In einem Interview hast du kürzlich erzählt, du hättest im Studio deine Nervosität mit einem Shot Wodka besänftigen können. Auch zuvor hattest dich schon als Wodka-Fan bekannt. Was macht für dich einen guten Wodka aus?

Natalia Avelon: Ich mag Wodkas, die wie Butter die Kehle hinuntergleiten. Ich mag keine scharfen Wodkas, die im Hals kratzen. Und trinke sie immer pur. Dann gibt es keinen Kater, sondern gute Laune.

smalltalk: Vielen Dank für dieses Interview.

Foto © Kate Bellm



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