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30. Juni, 2017

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Lando van Herzog: „Umsonst-Kultur“ ist absolut respektlos

30. Juni 2017 – Musik, Texte, Fotos, Filme – im digitalen Zeitalter ist alles immer und nahezu überall verfügbar. Häufig kostenlos. Kostenlos? Nicht wirklich! Denn am Ende muss immer ein Preis bezahlt werden. Die Umsonst-Mentalität der Internetnutzer kostet viele Künstler die wirtschaftliche Basis ihrer Karrieren. Der Kölner Geiger, Komponist und Produzent Lando van Herzog setzt nun ein Zeichen gegen diesen verheerenden Trend. Er hat Musiker, Schauspieler, Filmemacher und Schriftsteller zusammengetrommelt, um das gemeinsame Konzeptalbum „Project Fair Play“ zu produzieren. Über diese Aktion und seinen Kampf gegen die Entprofessionalisierung von Kunst und Kultur spricht er im smalltalk-Interview.

smalltalk: Herr van Herzog, in den 50 Jahren nach der Veröffentlichung des Beatles-Albums „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ von 1976 wurde das „Konzeptalbum“ immer wieder totgesagt. Warum ist es aus Ihrer Sicht trotzdem immer noch ein spannendes Medium?

Lando van Herzog: Das Konzeptalbum ist eine Kunstform, die nie aussterben wird, einfach weil sich Kunst mit aller Macht dagegen sträubt, auf einen Song und drei Minuten reduziert zu werden. Und deshalb gibt es das „Project Fair Play“ mit 35 Tracks in voller CD-Länge von 74 Minuten.

smalltalk: „Project Fair Play“ ist auch als Konzeptalbum insofern ungewöhnlich, als dass es das Medium bzw. die Bedingungen, unter denen dieses Medium entsteht, ganz konkret thematisiert. Das Projekt hat einen ernsten gesellschaftspolitischen Hintergrund. Es geht um den Schutz und die angemessene Entlohnung von geistigem Eigentum, explizit um das geistige Eigentum von Musikern. Wie kritisch sehen Sie die aktuelle Situation für die Vielfalt der musikalischen Landschaft?

Lando van Herzog: Über immaterielle Güter wie Musik, Bild, Texte usw. machen sich offenbar viele Leute relativ wenige Gedanken. Wer Musik, Bilder oder Texte nutzen will, besorgt sie sich irgendwo und das oft genug, ohne dafür zu bezahlen. Dann wird kopiert und an andere weitergegeben. Dass diese digital verfügbaren Güter nicht von alleine entstehen, dass es da Menschen gibt, die die einzelnen Werke erst einmal kreieren müssen und dass dahinter anstrengende geistige und auch handwerklich-technische Prozesse stehen, wird dabei zumeist ausgeblendet. Es gibt sogar Leute, die bestreiten, dass es sich bei Musik, Bildern oder Texten überhaupt um geistiges Eigentum handelt. Offenbar haben sich viele angewöhnt, immaterielle Güter einfach umsonst zu benutzen.

Im Jahrbuch 2016 des Bundesverbands Musikindustrie ist zu lesen, dass fast die Hälfte der 30- bis 39-Jährigen bereit sei, für Musik zu bezahlen. Soll das eine gute Nachricht sein? Man stelle sich vor, im Jahrbuch des Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels hieße es: „Fast die Hälfte der Konsumenten ist bereit, für den Einkauf in einem Lebensmittelgeschäft zu zahlen.“ Da offenbart sich der ganze Irrsinn. Weil kulturelle Güter dort, wo sie in digitaler Form auftauchen, Teil einer sogenannten „Umsonst-Kultur“ geworden sind, haben sie in der öffentlichen Wahrnehmung enorm an Wert verloren. Das ist absolut respektlos. Und wir, die Künstler und Urheber dieser Werke, finden diesen Umgang mit unseren Werken einfach nicht fair. Wenn die Schöpfer geistiger Werke nicht mehr angemessen entlohnt werden, können Kunst und Kultur nicht mehr existieren.

„Wir wollen zum Fair Play gegenüber unserer Arbeit aufrufen“

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Lando van Herzog (Foto © Stephan Pick)

smalltalk: An wen richtet sich die darin enthaltene Kritik konkret?

Lando van Herzog: Es geht mir und allen, die an „Project Fair Play“ mitgewirkt haben, nicht darum, bestimmte Gruppen oder Institutionen mit polarisierender Kritik anzugreifen und anzuprangern. Wenn man der Umsonst-Unkultur den Kampf ansagt, erwarten die meisten Menschen juristische Analysen, Unterlassungserklärungen, Klagen auf Schadensersatz und strafrechtliche Maßnahmen. All das wollen wir nicht! Wir wollen auf die Umsonst-Nutzer zugehen. Wir wollen nicht spalten, sondern vereinen – indem wir mit künstlerischen Mitteln durch unser Medium, die Musik, kreativ und charmant zu Lösungen beitragen.

Wir wollen zum Fair Play gegenüber unserer Arbeit aufrufen. Unsere Musikbeiträge sollen Brücken in den Köpfen der Menschen bauen, Herzen öffnen und Bewusstsein erzeugen. Kurz und gut: Sie sollen Respekt gegenüber unserer Arbeit schaffen. Gefühlvolle Songs mit Texten, die von Fair Play handeln, können bei vielen Menschen nachhaltiger wirken als jeder Vortrag oder jede gesetzliche Verordnung.

smalltalk: Wie entstand die Idee zu „Project Fair Play“?

Lando van Herzog: Ich habe schon vor Jahren festgestellt, dass meine eigene Musik im Internet zwar sehr präsent war, die Zahl der legalen Downloads sich aber schon bald als eher mäßig erwies. Der größte Teil meiner Werke wurde ohne Bezahlung, also illegal genutzt. Das hatte natürlich unmittelbare Auswirkungen auf meine materielle Lebensgrundlage. Seither hat sich die Umsonst-Mentalität vieler Musiknutzer noch verstärkt. Fachleuten ist das Problem schon lange bewusst. Mir war es nun wichtig, das Thema außerhalb der Fachkreise zu diskutieren. Da lag es aus meiner Sicht nahe, als Künstler mit meinen ureigensten Mitteln, nämlich mit Kunst und Musik, Stellung zu beziehen. Zu meiner Überraschung war noch niemand vorher auf diese Idee gekommen.

Ich sprach mit Dr. Carl Mahlmann, der 34 Jahre lang im Dienst von EMI Music gearbeitet hat und während seiner beruflichen Laufbahn immer wieder für den Schutz geistigen Eigentums eingetreten war. Carl war sofort begeistert von der Idee und bot seine volle Unterstützung an. Gemeinsam gaben wir dem Kind einen Namen: „Project Fair Play“.

smalltalk: Auf dem fertigen Album sind die unterschiedlichsten Künstler zu hören, darunter Frank Schätzing, die Söhne Mannheims, Till Brönner, Marianne Rosenberg, Ulrich Noethen oder Joyce Ilg. Wie haben Sie diese von Ihrem Projekt überzeugt?

Lando van Herzog: Nachdem Carl Mahlmann und ich das Konzept ausgearbeitet hatten, setzte ich mich mit den Künstlern in Verbindung, von denen ich weiß, dass sie sich mit diesem Thema ernsthaft beschäftigen. Ob Tobias Künzel von den Prinzen, Kosho von den Söhnen Mannheims, Marianne Rosenberg oder Mousse T. – das Feedback war immer eindeutig: Tolle Sache, wir sind dabei!

„Mein Name ist Mensch, ich bin dein Bruder“

smalltalk: Wie muss man sich das künstlerische Konzept in seiner Umsetzung vorstellen? Was gibt’s auf „Project Fair Play“ zu hören?

Lando van Herzog: Das Ganze ist wie innerer Film. Die 35 Tracks bieten eine große musikalische und thematische Bandbreite. Dabei bestand die Herausforderung darin, Akteure aus unterschiedlichsten Genres und Stilen aufeinander abzustimmen. Da gibt es Eurodance neben Gypsy-Jazz, Minimal-Techno neben Electro House und Unplugged-Akustikpop, Fusion, symphonisch-orchestrale Filmmusik, Neues Chanson, Legal Mash-up und Mainstream Pop. Und es ist wie so oft im Leben: Die vermeintlichen Gegensätze ziehen sich tatsächlich an. Die grenzüberschreitende kreative Seelenverwandtschaft der unterschiedlichen Künstler und Produktionen ist in jedem Track und im Gesamtbild spürbar. Inhaltlich zusammengehalten wird das Album durch ein lyrisches Leitmotiv: „Mein Name ist Mensch, ich bin dein Bruder.“ Und natürlich trägt nicht zuletzt ein meisterliches Mastering weiter zum einheitlichen Sound-Bild bei.

Die Inhalte, ob sie jetzt von dem Schauspieler Ulrich Noethen oder der Youtuberin Joyce Ilg, von Jazzmusiker Till Brönner oder Regisseur und Oscarpreisträger Pepe Danquart stammen, transportieren immer Momente der Aufrichtigkeit. Da gibt es nichts Belehrendes, keinen erhobenen Zeigefinger. Es geht um Kunst, das heißt: Es ist immer sinnlich und leidenschaftlich. Mal ist viel Drama im Spiel, mal ganz viel Romantik, mal pure Poesie oder beflügelnde Fantasie. Das Grundthema verlieren wir dabei allerdings nie aus den Augen – es geht uns darum, das Thema „Schutz des geistigen Eigentums“ auf die Tagesordnung zu setzen.

„Es geht uns darum, das Bewusstsein von Internet-Nutzern zu ändern“

smalltalk: Ob Kunst die Welt verändern kann, ist eine alte Frage, auf die es immer wieder andere Antworten gibt. Was, glauben Sie, kann das Album „Project Fair Play“ verändern?

Lando van Herzog: Es geht uns zunächst darum, das Bewusstsein von Internet-Nutzern zu ändern. Sie müssen begreifen, dass geistige Werke nicht von allein auf die Welt kommen und oft genug regelrecht „errungen werden“ müssen. Dieser kreative Schaffensprozess kann außerordentlich hart sein. In einem Interlude unseres Albums macht ein Schriftsteller an einem sehr persönlichen und drastischen Beispiel deutlich, dass der Preis, den er mitunter für die Entstehung eines Buches zahlen muss, ungeheuer hoch ist. Wenn so ein Autor dann erleben muss, dass sein Werk von anderen ohne Erlaubnis und ohne Entgelt massenhaft genutzt und weiterverbreitet wird, fühlt er sich ganz einfach sehr unfair behandelt. Und das wird jeder verstehen. Genau das wollen wir dem Internet-Nutzer bewusst machen, darin besteht unser Ansatz.

In Hinblick auf meine Branche, die Musikbranche, kann ich in jedem Fall sagen, dass hier bislang nicht genug getan wurde, um den Endkunden für den Schutz des geistigen Eigentums zu sensibilisieren. Das Thema steht zwar bei Verbänden immer wieder auf der Tagesordnung, aber das hat so gut wie keine Außenwirkung. Ich habe den Eindruck, dass vor allem Journalisten, aber auch prominente Künstler, die offensive Auseinandersetzung über diese Thematik weitgehend scheuen – wohl auch, um ihre Klientel durch eine direkte Ansprache nicht zu verstimmen. Oder haben Sie in der Vergangenheit von einem ähnlichen Projekt wie dem Unsrigen gehört, das den Endverbraucher direkt anspricht? Dabei wurde unser Konzeptalbum nicht von der Industrie oder Verbänden realisiert sondern von uns Künstlern selbst.

5.000 Streams für zehn Euro

smalltalk: Bieten Streaming-Dienste wie Spotify oder Apple Music nicht auch weniger prominenten Musikern eine Chance, von ihrer Arbeit zu leben?

Lando van Herzog: In der Branche rechnet man als Entgelt des Künstlers für das Streaming eines seiner Musiktitel im Durchschnitt mit 0,2 Cent. Ein kleines Rechenbeispiel: Der erfolgreiche Song eines etablierten Künstlers wäre innerhalb von sechs Monaten nach Veröffentlichung 500.000-mal in Deutschland gestreamt worden. Für dieses exzellente Ergebnis erhält der Künstler dann 500.000 x 0,2 Cent = 100.000 Cent = 1.000 Euro. Allein die Produktion des Songs hat aber mehr als 5.000 Euro gekostet. Und meistens läuft es weniger gut: Oft hat der Song eines nicht so bekannten Künstlers ein halbes Jahr nach seiner Veröffentlichung gerade einmal 5.000 Streams in den Büchern. Dafür erhält der Künstler dann sage und schreibe zehn Euro. Das ist heute die Realität. Bei Spotify, Apple und Co. weiß der Künstler am Ende des Tages nicht, was er verdienen wird. Aber eines weiß er genau: Es wird nicht viel sein und zum Leben wird es definitiv nicht reichen. Wo bleibt hier das Fair Play? Gerade dieses Thema ließe sich noch viel weiter ausführen. Fest steht nur: Aus Sicht der Künstler haben alle technischen Lösungen im Bereich der Musik versagt. Alle rechtlichen Lösungen haben sich als Kampf gegen Windmühlen herausgestellt. Der Fehler steckt im System: Gesellschafts- und wirtschaftspolitisch sind wir Künstler zu wenig relevant gegenüber den zentralen Interessen der großen Mehrheiten im Lande. Daher müssen wir für unsere eigenen Lösungen sorgen.

smalltalk: Wie sähe denn Ihr Worst Case Scenario aus, wenn einfach alles so weiter liefe wie bisher?

Lando van Herzog: Nun, viele Interpreten müssten erkennen, dass es irgendwann mit dem Beruf als Künstler nicht mehr weiter gehen kann. Das betrifft mich ganz genauso wie viele andere und vor allem jüngere Künstler. Die älteren Stars, die noch zu LP/CD-Zeiten bekannt wurden, trifft es weniger hart: Sie können sich Kraft ihres Bekanntheitsgrades noch überwiegend durch Live-Auftritte finanzieren. Aber jüngere Musiker, die das Zeug zum Star haben, schaffen zumeist den Sprung nach oben gar nicht mehr, weil das Musikverkaufsgeschäft durch Tonträger oder Downloads für sie kaum noch stattfindet. Und damit ist für sie auch das lukrative Live-Geschäft in weite Ferne gerückt. Ein Blick auf die Ankündigungslisten großer Konzertagenturen genügt, um festzustellen: Künstler, die sich in den letzten fünf Jahren etabliert haben, sind auf diesen Listen eher die Ausnahme. Künstler, die seit 20, 30 oder gar 40 Jahren dabei sind, finden sich zuhauf. Ist es das, was wir wollen?

„Unterstützen Sie unser Projekt, empfehlen Sie es weiter!“

PROJECT-FAIR-PLAY-Album-Vorderseite

smalltalk: Was sind Ihre weiteren Pläne, um Ihre Botschaft weiter in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken?

Lando van Herzog: Erst einmal gilt es, „Project Fair Play“ zu dem Erfolg zu führen, den es verdient. Gemeinsam mit unserem Vertrieb SPV, unseren Promotion Teams, Produktmanagern, Kooperationspartnern, Medienunterstützern, Freunden und Fans arbeiten wir intensiv daran. Das Konzept kann optional als Live-Gig präsentiert werden bzw. man kann damit auch auf Tour gehen. Da die Urheberrechtsproblematik den Print-Bereich mindestens ebenso betrifft wie die Musik, kann das Konzept vom Musikalbum auch auf eine Buchveröffentlichung übertragen werden. Da wichtige Repräsentanten der schreibenden Zunft bereits in das Konzept eingebunden sind, liegt eine Fortsetzung im Bereich des geschriebenen Wortes nahe. Eine „Project Fair Play“-Fortsetzung in Form einer nachfolgenden weltweiten Veröffentlichung mit Stars aus aller Welt ist ebenfalls eine weitere Option. Wir sind dankbar für Anregungen und Kooperationen, wenn es darum geht, das Thema „Respekt vor geistigem Eigentum im digitalen Zeitalter“ weiter in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken.

smalltalk: Vielen Dank für das Interview.

Lando van Herzog: Ich danke Ihnen. Aber eins möchte ich noch loswerden: Liebe smalltalk-Leser, bitte unterstützen Sie unser Projekt, empfehlen Sie es weiter! Helfen Sie, es bekannt zu machen! Die an „Project Fair Play“ beteiligten Künstler und alle, für die wir sprechen können, danken Ihnen.

Künstlerbild © Project Fair Play



Kommentare zu Lando van Herzog: „Umsonst-Kultur“ ist absolut respektlos

  1. Diethard von Ammon sagt:

    Lieber Lando van Herzog,

    ich arbeite seit über 20Jahren bei der GEMA und finde es toll, dass die Künstler verstärkt selbst den Kampf um ihr geistiges Eigentum in die Hand nehmen. Ich möchte mich für diese gute Sache selbst gerne mehr einsetzen. Auf dem Hintergrund meines Volkswirtschaftsstudiums sehe ich schon lange, dass geistige Güter als Ware auf dem digitalen Markt keinen angemessenen Preis mehr erzielen können. Es braucht daher andere Lösungsansätze, die das Marktversagen kompensieren, damit die Schöpfer der geistigen Werke zu ihrem Recht kommen.

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