Sind die fetten Jahre wirklich vorbei? Sicher ist offenbar nur: Deutschland steht vor großen Herausforderungen. Doch das ist kein Grund, den heutigen Tag der Deutschen Einheit nicht zu feiern. Vielmehr gebe es tausend gute Gründe, das zu tun, so Kick-Media-Vorstandschef Alexander Elbertzhagen. Turnusgemäß finden die zentralen Feierlichkeiten in diesem Jahr in Bremen statt. Zu den Höhepunkten gehört der Auftritt der Fantastischen Vier auf dem Domshof.
Liebe Freundinnen und Freunde des smalltalk,
das Verhältnis der Deutschen zu einem einheitlichen Staat war schon immer ein kritisches. Deswegen passt der Föderalismus ja auch so gut zu uns. Doch bei all den historisch gewachsenen regionalen Unterschieden leben wir doch in einem gemeinsamen Staat. Dessen Einheit feiern wir am heutigen 3. Oktober. Und das ist gut so.
Das zentrale Bürgerfest zum Tag der Deutschen Einheit richtet in diesem Jahr turnusgemäß Bremen aus. Dementsprechend läuft in der Hansestadt seit gestern das Einheitswochenende. Mit insgesamt knapp 600 Programmpunkten: Konzerte, Theateraufführungen, Ausstellungen, Lesungen und Diskussionsforen. Zu den Höhepunkten wird sicherlich heute Abend das Konzert der Fantastischen Vier auf der Radio Bremen-Bühne am Domshof gehören. Das passt: Schließlich wurde die Band 1989 im Jahr des Mauerfalls gegründet. Und zu dem Song „Zusammen“, einem ihrer größten Hits, läuft heute auch noch eine Tanzaktion. Die Stuttgarter hatten die Nummer passenderweise mit dem Erfurter Clueso aufgenommen. Das Konzert wird live in der ARD-Mediathek übertragen.
Entlang der 1,8 Kilometer langen Ländermeile präsentieren sich in Bremen außerdem alle 16 Bundesländer. Mit kulinarischen Spezialitäten und ihren ganz eigenen Highlights aus Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft. Erwartet werden mehr als 400.000 Besucherinnen und Besucher.
Dass wir die Deutsche Einheit feiern, ist in diesem Jahr vielleicht so wichtig wie selten zuvor. Schließlich werden einem gerade Schlagwörter rund um das Gegenteil um die Ohren gehauen. Offenbar gibt es viele Menschen, die sich an einer deutschen Uneinheit erfreuen. Dadurch wirkt die Gesellschaft in vielerlei Hinsicht gespalten. Doch wer will statt Deutscher Einheit wirklich wieder so was wie eine deutsche Spaltung?
Tatsache ist: Es gibt jede Menge, sich zum Teil widersprechende Perspektiven auf unser Land. Aber das ist doch eigentlich normal. Das ist Demokratie. Die Unterschiede zwischen Westen und Osten bilden da nur eine Ebene von vielen. Doch wie die meisten Probleme, die zwischen Menschen entstehen, geht es hier letztlich um Fragen der Kommunikation. Und wie nicht zuletzt die Bundesregierung immer wieder deutlich macht: Kommunikation ist ein schwieriges Geschäft, das nicht jeder beherrscht. Das betrifft oft ganz einfache, aber grundlegende Dinge.
Was mich zum Beispiel immer wieder stört, ist der Ausdruck „die neuen Bundesländer“. Schon allein diese Formulierung hat etwas Herablassendes. Sie suggeriert: Die da im Osten sind immer noch Newcomer, Rookies, Anfänger in Sachen Demokratie. Insofern haben sie keine Ahnung und wählen deswegen auch die falschen Parteien. Ist das so? Das ist vor allem arrogant. Und wenn die Bundesregierung immer noch eine Ostbeauftragte braucht, ist dann die in der Präambel des Grundgesetzes beschriebene Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands wirklich erreicht? Wieso gibt es eigentlich keinen Westbeauftragten? Oder eine Rheinland-Pfalz-Beauftragte?
Ich selbst stamme aus Schleswig-Holstein, bin mittlerweile in Köln zu Hause und ich glaube, dass wir aus dem Westen mit den ostdeutschen Ländern zumindest ziemlich unsensibel umgegangen sind. Dass beispielsweise der Palast der Republik im Ostteil Berlins abgerissen wurde, hatte sicherlich eine ganze Reihe von sachlichen Gründen. Aber diese Demontage war für viele Menschen, die zuvor in der DDR zu Hause gewesen waren, eines von vielen fatalen Zeichen. Sie fühlten sich selbst demontiert und abgewickelt. Die an diesem Standort errichtete Neufassung des Hohenzollernschlosses erschien ihnen womöglich als reines Westprojekt.
Es gibt sie also, die Unterschiede. Sie im Sinne einer gleichmacherischen Vereinheitlichung zentralistisch abzuschaffen, kann nicht das Ziel sein, wenn es darum geht, echte Einheit zu gestalten. Schließlich ist es auch die regionale Vielfalt, die die Stärke unseres Landes ausmacht.
Ändern bzw. weiterentwickeln muss sich zugegebenermaßen vieles. Auch im alten Westen. Vergessen sollten wir aber nie, dass der 3. Oktober ein Tag der Freude ist. Weil es keine Mauer mehr gibt. Und wir sollten uns niemals eine neue Mauer wünschen. Auch nicht zum Spaß am Stammtisch oder wo auch immer.
Wir leben in Freiheit und in einem Land ohne Stasi. Dass das so ist, ist einer von tausend Gründen zum Feiern – dass das so bleibt, ein Grund zur Wachsamkeit. Wachsam sollte dabei nicht nur das Bundesverfassungsgericht sein, das im September 75 wurde. Dieser Aufgabe müssen wir alle uns stellen. Ganz egal in welchem Bundesland.
Ich wünsche Ihnen einen weiterhin schönen Feiertag und ein angenehmes Wochenende!
Alexander Elbertzhagen
(Herausgeber smalltalk)
PS: Heute gibt es an dieser Stelle ausnahmsweise mal keine konkrete Getränkeempfehlung. Anstoßen sollte man auf den Tag der Deutschen Einheit aber auf jeden Fall. Zum Beispiel mit einem nach dem deutschen Reinheitsgebot gebrauten Bier seiner Wahl. Pils, Alt, Kölsch, Helles, Dunkles, Lager, Weißbier – da hat jedes Bundesland, jede Region eigene Spezialitäten.
PPS: Selbstverständlich passt zum 3. Oktober auch ein Glas Wein. Das darf dann auch ein Gewächs aus Sachsen, Deutschlands östlichstem Weinanbaugebiet, sein. Zum Beispiel ein schöner Riesling von Schloss Wackerbarth. Das liegt zwischen Meißen und Dresden im Elbtal. Übrigens, die neue deutsche Weinkönigin, Paula Löber, kommt in diesem Jahr aus Sachsen-Anhalt.
