Karneval: Superjeilezick oder was ist da los?
Liebe Freundinnen und Freunde des smalltalk,
schön, dass Sie sich die Zeit nehmen, diesen „smalltalk“ zu lesen! Immerhin feiert ja die halbe Republik gerade Karneval. Vielleicht haben Sie gestern auch im ZDF „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ gesehen. Nebenbei bemerkt, diesmal war mit Christina Grom zum ersten Mal in der Geschichte der Fernsehfastnacht eine Frau als Protokollchefin im Einsatz. Nun ja, ob Sie nun mit all der Narretei etwas anfangen können oder nicht, fest steht: Zwischen Rostock und München (dort ist am Dienstag die Hölle los) stecken wir gerade mitten in der sogenannten fünften Jahreszeit.
Da kommt man auch als Fernsehmacher nicht umhin, sich des Themas anzunehmen. Gerade jetzt in der heißen Phase der TV-Sitzungen mit Klassikern wie „Mainz bleibt Mainz…“! Oder „Fastnacht in Franken“, die laut dpa beliebteste Sendung im Bayerischen Fernsehen überhaupt.
Dieses Mal hatten 2,9 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer die Sitzung aus dem beschaulichen Veitshöchheim bei Würzburg eingeschaltet und den buchstäblich weißblauen Ministerpräsidenten Markus Söder im „Braveheart“-Kostüm gesehen. Als fränkisch-bayerischen Mel Gibson. Nicht wenige halten ein derartiges Auftreten für eine übertriebene PR-Aktivität. Doch zumindest der Quote hat es nicht geschadet: Beim bayerischen TV-Publikum verzeichnete „Fastnacht in Franken“ einen Marktanteil von 45,4 Prozent. Derartige Ergebnisse gibt es auch für Söders CSU schon lange nicht mehr.
Natürlich kann man sich fragen, was denn die andere Hälfte der fernsehenden Bayern an jenem Abend geguckt hat. Angesichts des karnevalistischen Fernsehsitzungsmarathons auf schier allen Kanälen warf die dpa sogar die Frage in die Runde: „Spaltet Büttenhumor das Wohnzimmer?“ Als Teil einer Antwort konstatierte der Autor: „Büttenreden gelten – vorsichtig ausgedrückt – humormäßig nicht als Hort des Fortschritts.“ Der eine oder andere in der Bütt vorgetragene Witz sei durchaus mit etwas Zeitverzögerung im Karneval angekommen. Ich denke: Zum Glück gibt es die Fernbedienung. Man kann umschalten, ausschalten oder auch lauter drehen. Ganz wie’s beliebt.
Bei uns in Nordrhein-Westfalen gibt es ebenfalls jede Menge Sitzungen, die im Fernsehen übertragen werden. Doch im Karneval ist es wie im richtigen Leben: Fernsehen ist nicht alles. Wer an Tagen wie diesen beispielsweise bei uns in Köln unterwegs ist, stellt fest: Genau hier ist das Epizentrum des Straßen- und Kneipenkarnevals. Allein zum Rosenmontagszug werden in der Domstadt rund 1,5 Millionen Besucherinnen und Besucher erwartet. Dabei ist von der vielzitierten Zurückhaltung der Deutschen beim Alkoholkonsum weniger als nichts zu spüren.
Zu den wichtigsten Stimulanzien der Karnevalisten gehört aber zweifellos die entsprechende Musik. Und da stehen Kölner Künstler auch in Düsseldorf oder anderswo in der kollektiven Playlist ganz oben: „Viva Colonia“ von den Höhnern, „Superjeilezick“ von Brings, „Leev Marie“ von den Paveiern oder „Stadt met K“ von Kasalla, um nur einige der bekanntesten zu nennen. Neu dabei ist übrigens die dialektfreie und doch sehr kölsche Polka-Nummer „Karnevalsmaus“ von der jungen Band Druckluft.
Auch die allseits beliebte „Humba“ im Fußballstadion kommt bekanntlich und ursprünglich aus dem Karneval. 1964 sang der Mainzer Dachdeckermeister Ernst Neger das schlicht „Humba Täterä“ betitelte Lied in der bereits mehrfach erwähnten TV-Sitzung „Mainz bleibt Mainz…“. Fragen Sie mal Ihre Eltern oder Großeltern! Das in Frack und Abendkleid gewandete Wirtschaftswunderpublikum im Saal geriet damals dermaßen außer Rand und Band, dass die Sendezeit um eine volle Stunde verlängert werden musste.
Doch natürlich wird Karneval nicht nur bei uns gefeiert. Rio, Venedig, Nizza, sogar in den südöstlichen Landesteilen der Niederlande geht es karnevalistisch zur Sache. Und auf Sardinien ziehen die Leute mit lautester Disco-Musik durch die Straßen. Das muss man mögen. Für die einen ist das Ganze ohne Frage die „Superjeilezick“ schlechthin, für andere eher nicht. Aber auch das ist echter Karneval: Alles kann, nichts muss – oder wie man bei uns in Köln sagt: Jede Jeck is anders (Jeder Narr ist anders). Und das schätze ich auch als gebürtiger Norddeutscher sehr.
Mit oder ohne Helau bzw. Alaaf wünsche ich Ihnen ein weiterhin schönes Wochenende – und einen liebevollen Valentinstag!
Alexander Elbertzhagen
(Herausgeber smalltalk)
PS: Wer abseits vom Karneval eher eine andere Art von Humor mag, kann ja ins Kino gehen und sich die Tragikomödie „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ von Simon Verhoeven anschauen. Dessen Mutter Senta Berger spielt darin ganz großartig eine wunderbare Großmutter. Absolut überzeugend ist aber auch „Discounter“- und „Intimate“-Darsteller Bruno Alexander in der jugendlichen Hauptrolle.
PPS: Eine schöne Karnevalsalternative ist sicherlich auch das Reisen. Ich zum Beispiel war gerade drei Tage in Mailand bei den Olympischen Spielen. Die gibt es ja auch noch! Auf alle Fälle bedanke ich mich bei unserer Freundin M. für die tollen Restauranttipps. Obendrein habe ich mir in Mailand die fantastische Ausstellung „Giorgio Armani: Milano, Per Amore“ in der Pinacoteca di Brera angeschaut. Einige von Armanis großen Entwürfen werden dort im Umfeld der Meisterwerke von Malern wie Caravaggio, Rafael, Andrea Mantegna oder Giovanni Bellini gezeigt. Eine unglaubliche Kombination! Ich habe Ihnen mal ein Foto mitgebracht.



