Er mag Musik vor allem, wenn sie live ist
Musik tut gut. Vor allem als Live-Erlebnis. Kick-Media-Vorstand Alexander Elbertzhagen lässt sich jedenfalls immer wieder von Musik begeistern. Das kann ein Auftritt des italienischen Rappers Fedez auf Sardinien sein, die Boomtown Rats in Wacken, Bad Bunny in Washington oder einfach jedes Konzert von Herbert Grönemeyer. Zu dessen 70. Geburtstag empfiehlt Elbertzhagen die ARD-Dokumentation „Grönemeyer – Alles bleibt anders“.
Liebe Freundinnen und Freunde des smalltalk,
Musik ist heutzutage so allgemein verfügbar wie nie zuvor. Streaming macht’s möglich. Und doch… Live ist immer noch am besten, oder? Wirtschaftlich ist Live-Musik jedenfalls ein wichtiger Wachstumsmotor. Mit steigenden Umsätzen. Letztes Jahr prognostizierte Goldman Sachs, dass sich die Umsätze auf dem weltweiten Musikmarkt bis Mitte den nächsten Jahrzehnts wohl fast verdoppeln werden. 2035 lägen sie bei 200 Milliarden US-Dollar – mit einem Live-Musik-Anteil von über 67 Milliarden Dollar.
Einschätzungen wie diese regen die Fantasie von Investoren an. Diese Woche legte der US-Amerikaner Bill Ackman ein Übernahmeangebot für die Universal Music Group auf den Tisch. Für umgerechnet rund 56 Milliarden Euro will Ackmans Firma Pershing Square den weltgrößten Musikkonzern übernehmen. Dort sind immerhin Megastars wie Taylor Swift, Billie Eilish oder BTS unter Vertrag.
Aber zurück zur Live-Musik: Warum ist dieser Bereich ein „Key growth driver“? Weil es hier offenbar um etwas geht, was als magisch und damit als außergewöhnlich empfunden wird: die Unmittelbarkeit, die direkte, analoge Begegnung mit Künstlerinnen und Künstlern. Bei einer Live-Performance passiert eben alles an einem Ort, zur gleichen Zeit. Man ist sozusagen ganz im Hier und Jetzt. Das kann eine Symphonie sein oder eine Hip-Hop-Performance, eine Hardrock-Hymne, eine Popshow, eine Oper, ein Musical, was auch immer.
Musikerinnen und Musiker vor Ort bei der Arbeit zu erleben, dabei zu sein, wenn ein Kunstwerk entsteht, ist eben etwas Besonderes. Das gilt vor allem in Zeiten der totalen digitalen Verfügbarkeit. Botticellis „Primavera“ in den Uffizien in Florenz in Augenschein zu nehmen, ist nun mal auch etwas anderes, als auf ein Gemälde wie dieses beim Googeln oder Blättern durch einen Bildband zu stoßen.
Am vergangenen Osterwochenende konnte ich diesen Effekt auf Sardinien beobachten. In dem Dorf Cannigione an der Nordküste trat Fedez auf. Der Mann ist Rapper, Influencer und TV-Moderator und gilt als eine der innovativsten Stimmen der italienischen Popmusik. Erst kürzlich trat er beim legendären Festival von Sanremo auf. Außerhalb von Italien feiert er vor allem in der Schweiz und in Polen große Erfolge. Um die Größenordnung mal klarzumachen: Zu Fedez‘ Bilanz gehören weit über 60 Platinauszeichnungen seit seinem ersten Nummer-1-Album vor 13 Jahren. Mittlerweile hat er auf Instagram 13,2 Millionen Follower.
Am Ostermontag war ich einer von etwa 5.000 Menschen, die ihn in Cannigione erleben durften. Zwar kenne ich die italienische Musikszene schon ein bisschen, aber als Ausländer und Nicht-Muttersprachler bleibt da doch immer eine gewisse Distanz. Die ermöglichte es mir aber, relativ sachlich zu beobachten, was da unter sardischem Frühlingshimmel passierte. Das Publikum feierte seinen Star frenetisch. Und das, obwohl er in dem für ihn typischen schwarzen Outfit vor schwarzem Hintergrund kaum zu sehen war. Eine Band oder ein Orchester gab es nicht. Die musikalische Begleitung kam von der Festplatte.
Ich gebe zu: Ich mag es lieber, wenn auf der Bühne mit echten Instrumenten hantiert wird. Der Musikstil ist dabei fast egal. Handgemacht, wenn auch vom Genre her nur schwer vergleichbar, geht es im Sommer wieder in einem Dorf in Schleswig-Holstein zur Sache: In Wacken kommen die Freundinnen und Freunde harter Gitarrenklänge auf ihre Kosten. 2025 war ich mit Bob Geldof und den Boomtown Rats dort und konnte mich davon überzeugen, wie fantastisch dieses weltweit größte Heavy-Metal-Festival ist. Da stehen Schlagzeuge auf der Bühne, Keyboards, Gitarren- und Bassverstärker. Und die werden genussvoll und ausgiebig bespielt bzw. aufgedreht. 2026 von Bands wie Judas Priest, Def Leppard, Powerwolf, Sepultura, Saxon u.v.m. Wacken ist heftig. Wacken ist laut und intensiv.
Einer, der live (und auch sonst) ebenfalls alles gibt, was er geben kann, ist Herbert Grönemeyer. Dankenswerterweise habe ich im Laufe meines Berufslebens sehr angenehm und erfolgreich mit ihm arbeiten dürfen. Morgen feiert er seinen 70. Geburtstag. Die ARD nimmt dies zum Anlass, ihm eine umfassende Dokumentation zu widmen, die am Montag um 20:15 Uhr unter dem Titel „Grönemeyer – Alles bleibt anders“ im Ersten ausgestrahlt wird. In der ARD-Mediathek ist sie schon jetzt verfügbar – und absolut sehenswert. Auch wegen der vielen Live-Szenen, die wirklich unter die Haut gehen.
Angesichts dieser vergangenen und gegenwärtigen Erfolge werden sich aber gerade viele in der Branche fragen: Welche Art von Musik füllt in den kommenden zehn bis 20 Jahren die Hallen und Arenen? Gehört die Zukunft den perfekt durchinszenierten Shows von Taylor Swift oder, um mal im deutschsprachigen Raum zu bleiben, von Helene Fischer? Goldman Sachs setzt wie gesagt auf Wachstum. Wenn ich mir etwas wünschen darf, dann das: Mögen die Finanzexperten und Glaskugelleser von Goldman Sachs recht haben. Und das könnte durchaus passieren.
Ich wünsche Ihnen ein weiterhin schönes Wochenende!
Alexander Elbertzhagen
(Herausgeber smalltalk)
PS: Beim Thema handgemachte Musik denke ich gerade auch an das „Tiny Desk“-Konzert, das der puerto-ricanische Megastar Bad Bunny letztes Jahr in einem Büro des US-Radiosenders NPR mit seiner Band gab. Schauen Sie einfach mal bei Youtube rein! Da trifft innovativer und politisch engagierter Rap auf traditionelle lateinamerikanische und karibische Klänge. Das Ganze wird von einer unglaublichen Spielfreude getragen. Mit Gitarren, Piano, Kontrabass und ganz viel Percussion. Ein Fest! Im Zuge seiner Welttournee schaut Bad Bunny Ende Juni übrigens auch in Deutschland vorbei. Die beiden Konzerte in Düsseldorf sind allerdings restlos ausverkauft.
PSS: Ein besonderer Moment kann auch die Begegnung mit einem guten Wein sein. Auf Sardinien habe ich jetzt etwas Wunderbares entdeckt: Turriga Isola dei Nuraghi Rosso. Dunkel und kraftvoll, ein sehr intensives und irgendwie archaisches Erlebnis, das, wie der Name schon andeutet, so einzigartig ist wie die Nuraghen, Sardiniens prähistorische Steinbauten. Kann man auch in Deutschland bestellen.


