Die deutsche Auszeichnung „Spiel des Jahres“ genießt weltweit ein enormes Renommee. Jetzt wurde in Berlin der indonesische Spieleentwickler Martin Ang ausgezeichnet. Dabei wurde auch wieder deutlich: Analoge Brettspiele erfreuen sich höchster Beliebtheit. Kick-Media-Vorstandschef Alexander Elbertzhagen macht sich Gedanken über diese und andere klassische Unterhaltungsangebote. Foto © Frederic Schweizer/Foto-Sicht
Die deutsche Auszeichnung „Spiel des Jahres“ genießt weltweit ein enormes Renommee. Jetzt wurde in Berlin der indonesische Spieleentwickler Martin Ang ausgezeichnet. Die Verleihung zeigte einmal mehr: Analoge Brettspiele erfreuen sich höchster Beliebtheit. Kick-Media-Vorstandschef Alexander Elbertzhagen macht sich Gedanken über diese und andere klassische Unterhaltungsangebote.
Liebe Freundinnen und Freunde des smalltalk,
auch wenn das neue deutsche Wort für „Spiel“ für viele mittlerweile „Game“ heißt, gilt immer noch Friedrich Schillers mehr als 200 Jahre alter Merksatz: Der Mensch sei „nur da ganz Mensch, wo er spielt“. In unserer Gegenwart ist der Markt für digitale Games jedenfalls gigantisch. Laut Verband der deutschen Games-Branche (der bezeichnenderweise schlicht game heißt) wurden 2025 hierzulande auf diesem Markt insgesamt rund 9,4 Milliarden Euro umgesetzt.
Aber: Es geht auch analog. Im letzten Jahr ergab eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Appinio, so dpa, dass knapp 70 Prozent der Menschen in Deutschland einmal oder mehrmals im Monat Gesellschaftsspiele spielen. Und sie tun das, wie der Name schon sagt, in Gesellschaft. Statt Handy oder Tablet haben diese Spieler also im positiven Sinn ein Brett vor sich. Wohlgemerkt, nicht vor dem Kopf. Also: Brettspiele werden immer beliebter.
Brettspiele sind immaterielles Kulturerbe
Der Markt für Brettspiele wächst, und zwar überproportional, wie dpa meldete. Jedes Jahr erscheinen rund 1.000 neue Titel. Dabei geht das Ganze nicht zuletzt von Deutschland aus. Wir sind eine echte Brettspielnation, weshalb international weniger von „Board Games“ als vielmehr von „German Games“ die Rede ist. Und die sind längst mehr als „Mensch ärgere dich nicht“ oder „Malefiz“ – obwohl die ja immer noch toll sind. 2025 wurde die Brettspielkultur in Deutschland von der UNESCO sogar als immaterielles Kulturerbe anerkannt.
Der international renommierte Verein Spiel des Jahres veröffentlichte am vergangenen Wochenende in Berlin die Siegerspiele 2026. Die Jury entschied sich für „Dito!“ des indonesischen Spieleautors Martin Ang. „Dito!“ sorge für eine „positive Tischdynamik“, so der Spieleforscher Jens Junge gegenüber dpa. „Es erzeugt Lachen, Gespräche und das Gefühl, sich gegenseitig besser zu verstehen.“ Darüber hinaus wurden in Berlin noch das Kinderspiel des Jahres („Die Insel der Mookies“) und das Kennerspiel des Jahres („Rebirth“) gekürt.
Neulich sah ich in einem Restaurant vier Kinder, die nicht auf ihre Handy-Displays starrten, sondern miteinander ein Brettspiel spielten. Während Online-Spiele, vor allem aber die Beschäftigung mit Social Media-Inhalten auf TikTok oder Instagram eher im Alleingang erfolgen, feierten diese Kids beim Brettspielen das Miteinander. Und sie zogen sich raus aus dem endlosen Flow der Ereignisse und Pseudo-Ereignisse. Auch wenn es beim Hantieren mit Würfeln, Ereigniskarten und kleinen Figuren ganz schön turbulent zugehen kann, so bieten analoge Spiele nicht zuletzt eine wunderbare Möglichkeit zur Entschleunigung.
„Lesen ist immaterielle Infrastruktur“
Für Entschleunigung sorgt sicherlich auch das Lesen von Büchern. Allerdings meldete der Börsenverein des Deutschen Buchhandels kürzlich: „Junge Menschen kaufen weniger Bücher.“ Grund dafür sei der sich immer weiter verschlechternde Zustand der Lesekompetenz in Deutschland.
„Die Zahl der Buchkäufer*innen zwischen 10 und 15 Jahren ging 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 30,6 Prozent zurück“, so der Börsenverein. Dringend notwendig seien nun umgehend konsequente Maßnahmen, um Bildung und Lesekompetenz zu verbessern, fordert Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins. „Denn Lesen ist immaterielle Infrastruktur – so grundlegend wie Straßen, Stromnetze und funktionierende Verwaltungen.“ Da hat er recht.
Ich wünsche Ihnen ein weiterhin schönes Wochenende!
Alexander Elbertzhagen
(Herausgeber smalltalk)
PS: Zum geistigen Genuss eines spannenden Spiels oder eines fesselnden Buchs gehört für mich auch ein leiblicher Genuss. Im Sommer zum Beispiel ein Glas mit selbstgepresstem Orangensaft. Oder ein schöner marokkanischer Minztee (natürlich nicht aus dem Beutel!)
PPS: Sehr analog ist natürlich das Festival Wacken Open Air. Das beginnt übernächste Woche am 29. Juli. Bereits jetzt startete Holger Hübner, der das „W:O:A“ gemeinsam mit Thomas Jensen aus der Taufe gehoben hat, seinen eigenen Youtube-Kanal „Wacken Holger“. Dort versammelt er jede Menge Geschichten rund um das weltweit beachtete Event in der schleswig-holsteinischen Provinz. Es geht um Musik, den Blick hinter die Kulissen und das analoge, durch nichts zu ersetzende Gemeinschaftsgefühl. Gast der ersten Folge ist der Koch und Musiker Lucki Maurer.
