HP_Aufmacher_Mielke_und_die_Mauer_1_Foto_MDR_rbb_BStU
Am 13. August jährt sich der Bau der Berliner Mauer zum 65. Mal. Das mediale Gedenken ist nicht sonderlich umfangreich. Kick-Media-Vorstandschef Alexander Elbertzhagen findet das schade und wünscht sich zumindest ein bisschen mehr Erinnerungskultur. Außerdem nimmt er den aktuellen Content-Sharing-Deal von Disney und TikTok in den Blick.
Liebe Freundinnen und Freunde des smalltalk,
die Bilder aus Ceuta beherrschen diese Woche die Nachrichten. Und wieder wird über Mauern diskutiert. Allerdings erschweren die neuen Mauern, Zäune und Barrieren unserer Zeit offenbar den Blick auf eine Abschottung, die das Leben in Deutschland über Jahrzehnte prägte – und deren Folgen uns bis heute prägen. Am kommenden Donnerstag, den 13. August jährt sich zum 65. Mal der Bau der Berliner Mauer. Ganz rund ist dieses „Jubiläum“ (da gibt es ja nichts zu bejubeln) zwar nicht, aber trotzdem: Kaum jemand scheint sich an den Beginn der Einmauerung zu erinnern. Das Fernsehprogramm reagiert jedenfalls größtenteils gar nicht.
Eine Ausnahme bildet der MDR. Da läuft am morgigen Sonntagabend um 22:00 Uhr die Dokumentation „Mielke und die Mauer – Innenansichten der Staatssicherheit“. Anschließend kommt „Sorry Genosse“ über eine deutsch-deutsche Liebe in Zeiten der Mauer (mit Musik von Rio Reiser). Am 13. August ist dann für 22:10 Uhr „Die Grenzer“ angesetzt, eine Dokumentation über Menschen, die bis 1989 an der mit Selbstschussanlagen, Minen und vielen weiteren Mordgerätschaften ausgestatteten innerdeutschen Grenze im Einsatz waren.
Zu sehen ist das meiste bereits jetzt in der ARD-Mediathek. Dort stellt zudem der RBB jede Menge Archivmaterial bereit. Aber sonst? Im linearen Programm zeigt das erste Programm der ARD am Jahrestag des Mauerbaus in der Primetime die Wiederholung eines „Amsterdam-Krimis“, danach eine Doku über AfD-Wähler, „Inas Nacht“ und die Kabarettshow „Das Gipfeltreffen“. Ob die „Tagesthemen“ dazwischen an die Mauer erinnern? Im ZDF läuft Sport, bei RTL ein Actionfilm.
Wir brauchen die Öffentlich-Rechtlichen mehr denn je
Dass in den Hauptprogrammen so gar nichts an diesen historischen Tag erinnert, finde ich schade. Und was war eigentlich noch mal am 17. Juni? Dem Tag, an dem 1953 in der Ostberliner Karl-Marx-Allee und anderswo in der DDR die nominellen Protagonisten des Arbeiter- und Bauernstaates auf die Straße gingen? Nachdem Dutzende Demonstranten von sowjetischen Truppen getötet worden waren, herrschte wieder Ruhe im Osten. Und im Westen war der 17. Juni von nun an Nationalfeiertag. Aber all das scheint längst vergessen.
Diesen Sommer war ich am 17. Juni in der Karl-Marx-Allee bei einer kleinen, sehr kleinen Gedenkveranstaltung. Ein Dutzend Leute war da. Ist Deutschland wirklich so geschichtsvergessen? Als jemand, der seit Jahrzehnten mit und in den Medien arbeitet, bin ich überzeugt: Gerade zu solchen Gelegenheiten brauchen wir die öffentlich-rechtlichen Programme und da insbesondere das Fernsehen mehr denn je. Zugegeben, die Balance zwischen staatsvertraglich gesichertem Auftrag und der Erstellung kommerziell verwertbaren Contents ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Dass in den Anstalten Fehler passieren, ist nicht überraschend. Es dürfen nur nicht allzu viele sein, sonst wird es wirklich knapp mit der Akzeptanz der beitragsfinanzierten Medien.
Bei Disney dreht sich was
Private Anbieter haben es da leichter. Zum Beispiel der Disney-Konzern. Der spielt im Umgang mit kommerziell verwertbarem Content seit Jahrzehnten weltweit in einer völlig anderen Liga. Was das Bewegtbildangebot angeht, beginnt für Disney gerade eine neue Ära. Diese Woche gab das Unternehmen bekannt, dass sich einiges drehen wird. Genauer gesagt, um 90 Grad. Denn die horizontalen Formate der Filme und Serien dürften zukünftig eine zunehmend vertikale Ausrichtung erhalten.
Disneys Ankündigung, mit der Social Media-Plattform TikTok zusammenzuarbeiten, indem TikToker Figuren und Szenen aus Disney-Produktionen – und dazu gehören ja auch noch Marken wie Pixar, Marvel oder Star Wars – für ihre Kurzvideos verwenden dürfen, ist nicht nur eine das Ausspielformat betreffende Wende. Andererseits soll zudem beim Streamingdienst Disney+ ein eigener neuer Bereich für vertikale, mit dem Smartphone gefilmte TikTok-Videos eingerichtet werden. Das Ganze gilt zunächst nur für den US-Markt.
Die Idee dahinter: Die Präsenz von Disney-Inhalten auf TikTok soll die Nutzerinnen und Nutzer ins Kino oder zu Disney+ holen. Außerdem ist es keineswegs ausgemacht, dass nicht auch die großen Endgeräte in Zukunft in die Vertikale gehen. Die sogenannte junge Zielgruppe verbringt bekanntlich einen Großteil ihrer Medienzeit hochkant. Vor ein paar Jahren war ich zu Besuch beim DFB in Frankfurt am Main. Bei der Gelegenheit wurde mir gezeigt, wie man dort bereits mit Fußballübertragungen im Hochformat experimentierte. Ich bin mal gespannt, wie beispielsweise Bertelsmann auf diesen Trend reagiert. Und was ist mit hochwertiger Bildschirm-Hardware aus deutscher Produktion? Es bleibt spannend…
Ich wünsche Ihnen ein weiterhin schönes Wochenende!
Alexander Elbertzhagen
(Herausgeber smalltalk)
PS: Wie unsere digitale Kultur die Produktion und Wahrnehmung von Bildern verändert hat und weiter verändert, zeigt der kanadische Künstler Jon Rafman derzeit im Düsseldorfer Museum K21. Die teils verstörende und doch höchst sehenswerte immersive Ausstellung „Main Stream Media“ changiert zwischen Enthusiasmus und Kritik und ist noch bis zum 27. September zu sehen.
PPS: Jenseits der Mauer wurde in den 70er-Jahren ein Getränk erfunden, das sich mittlerweile deutschlandweit immer größerer Beliebtheit erfreut: alkoholfreies Bier. 1972 kam in der DDR „AUBI“ in die Läden. Das Autofahrer Bier. Eine merkwürdige Wortschöpfung, aber das erste alkoholfreie Bier der Welt. Nach diversen Verbesserungen wurde es bald als „Berolina Low Alcohol Lager“ nach Großbritannien und als „Foxy Light“ in die USA exportiert. Die Marke gibt’s immer noch und wird heute im thüringischen Dingsleben in der Privatbrauerei Metzler gebraut.
