Kick-Media-Vorstandschef Alexander Elbertzhagen ist gerade vom 21. Reeperbahn Festival aus Hamburg zurückgekehrt, wo er sich neben zahlreichen kleineren Gigs auch das „Überraschungskonzert“ von Jan Delay auf dem Heiligengeistfeld angesehen hat. Er macht sich Gedanken über die Zukunft des Branchentreffs in Zeiten knapper Kassen und über die Frage, wie es der Musikwirtschaft gelingen kann, weiterhin relevant zu bleiben.
Liebe Freundinnen und Freunde des smalltalk,
die 21. Ausgabe des Reeperbahn Festivals geht heute zu Ende. Auch ich war in den vergangenen Tagen wieder auf St. Pauli vor Ort, habe viele bekannte Gesichter getroffen und neue Eindrücke gesammelt. Zunächst einmal fiel dabei auf, dass die offizielle Eröffnung in diesem Jahr im etwas bescheideneren Rahmen stattfand. Statt im geschichtsträchtigen Operettenhaus traf man sich diesmal im Schmidts Tivoli – kleiner, weniger mondän und mit langen Reden zu Anfang.
Dass geredet werden muss, ist klar. Auch wenn sich das Reeperbahn Festival seit seiner Gründung 2006 als eines der wichtigsten internationalen Branchentreffs für die Musikwirtschaft etabliert hat, muss seine Relevanz immer wieder neu erklärt werden. Vor allem das Thema Finanzen stand in diesem Jahr im Vordergrund, nachdem der Bund ab 2027 eine massive Kürzung seiner Förderung für das Festival angekündigt hat. Es zeichnet sich ab, dass das Land Hamburg die entstehende Lücke mit seinen Zuwendungen nicht ganz schließen wird. So klang es auch in der Eröffnungsrede von Kultursenator Carsten Brosda an, der darüber hinaus über Gott und die Welt sprach. Er ist als begabter Redner bekannt und es ist wohl eher eine Strafe, bei einer Veranstaltung nach ihm sprechen zu müssen.
Doch zurück zur Bedeutung des Reeperbahn Festivals. In jedem Fall ist die Veranstaltung gut für die Stadt Hamburg. Sie positioniert sich in Deutschland und scheinbar auch auf der Welt als Musikhauptstadt bzw. Musikstadt. Es wird ja fleißig die Mär genährt, dass Ed Sheeran beim Reeperbahn Festival entdeckt worden sei. Ein damals Anwesender sagt, er könne sich noch gut erinnern, wie der heutige Weltstar mit seiner Ukulele auf die Tische gesprungen sei und dort weiter musiziert habe. Der Mythos, dass Hamburg nach der Entdeckerstadt der Beatles jetzt auch die von Ed Sheeran sei, stimmt allerdings nicht zu hundert Prozent. Ein bisschen Sucht nach Weltruhm gehört aber eigentlich bei jedem Festival dazu. Und fairerweise muss man sagen, dass Acts wie Biffy Clyro, Ayliva, Casper, Ikkimel, Lewis Capaldi und eben auch Ed Sheeran tatsächlich schon weit vor ihrem großen Durchbruch auf dem Kiez gastierten.
Das Reeperbahn Festival ist auch gut für die Konzertbranche, denn es spielen unzählige Bands in allen möglichen Clubs. In Zeiten knapper Kassen stellt sich die Frage: Warum sollten eigentlich nicht Live Nation und Eventim dieses Festival sponsern? Das läge doch auf der Hand. Hamburg ist auf jeden Fall ein gutes Pflaster für die in der Musikindustrie Tätigen, auch wenn viele davon nur Mithörer oder Mitläufer sind. Wie bei jedem Festival ist rund um die Reeperbahn das sogenannte Connecting einer der wichtigsten Punkte. Das sah man auch an den riesigen Menschentrauben vor den Lokalen, in denen es für geladene Gäste Freibier und Freidrinks gab.
Ich habe mir natürlich auch in diesem Jahr wieder eine ganze Reihe von Konzerten angesehen und angehört. Die aus meiner Sicht besten gibt es dabei immer auf einer kleinen Bühne des Radiosenders N-Joy. Auch Jan Delay trat beim Reeperbahn Festival auf. Er gab ein „Umsonst und draußen“-Konzert auf dem Heiligengeistfeld – für zu viele Menschen mit zu wenig Technik. Aber trotzdem konnte man sich darüber freuen und das Musikfeeling genießen. Zumal das Ganze einem guten Zweck diente, indem es Aufmerksam für ein von dem Künstler unterstütztes Trinkwasserprojekt generierte.
Also summa summarum: Lassen wir doch das Reeperbahn Festival weiter so leben. In der kleineren Dimension geht das auch ganz gut. Alle müssen irgendwo sparen und es darf nicht immer derjenige jammern, der nun mal getroffen wird. Meiner Meinung nach sollte das Festival aber daran arbeiten, sich verstärkt an jüngere Leute zu richten. Davon war zumindest beim Durchschnittsalter der Besucher der Eröffnungsfeier nichts zu merken. Gerade die Ansprache der jungen Konsumenten ist jedoch elementar wichtig, um die Zukunftsfähigkeit der Musikwirtschaft unter Beweis zu stellen. Nicht zuletzt darauf zielte ja auch die Motto-Frage des diesjährigen Reeperbahn Festivals ab: „Forever Legit?“
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen noch ein schönes Wochenende!
Alexander Elbertzhagen
(Herausgeber smalltalk)
PS: Rockstars sind längst nicht mehr nur als Konsumenten von Alkohol bekannt, sondern bringen mitunter eigene hochprozentige Getränke auf den Markt. Dazu gehören auch die Rolling Stones, unter deren Namen (und mit deren markantem Zungen-Logo) der jamaikanische „Crossfire Hurricane“-Rum vermarktet wird. Den gab’s übrigens auch beim Opening des Reeperbahn Festivals.
PPS: Zu einem Festival auf dem Kiez gehört auch ein standesgemäßer Bier-Tipp. Und da kann es nur einen geben: Astra. Gehört nach Hamburg. Wie der Regen.
