Pop in Krisenzeiten: Junge Acts setzen positive Impulse
Aktuelle Popmusik ist besser als ihr Ruf. Das zeigte sich diese Woche einmal mehr bei der Polyton-Verleihung in Berlin. Auch wenn die Lage für Musikschaffende derzeit nicht gerade einfach ist, bleibt Kick-Media-Vorstandschef Alexander Elbertzhagen zuversichtlich. Gerade junge Künstlerinnen und Künstler gehen selbstbewusst ihren Weg. Das erfuhr er erst neulich bei einem Konzert des Singer-Songwriters Betterov.
Liebe Freundinnen und Freunde des smalltalk,
das Sprichwort von den Totgesagten, die länger leben, gilt offenbar auch für die Musikindustrie. Jedenfalls legen das die Zahlen des Bundesverbands BVMI nahe: Der Handelsumsatz von Recorded Music lag 2025 in Deutschland bei 2,42 Milliarden Euro. Das entspricht einem Plus gegenüber dem Vorjahr von 2,3 Prozent und ist somit erst einmal gut. Aber: Da der Streaming-Anteil mittlerweile über 80 Prozent ausmacht und Spotify weiterhin Marktführer ist, kommt von dem Geldsegen leider nur ein sehr geringer Teil bei den Musikerinnen und Musikern an. Auch das führt dazu, dass es für neue Acts immer schwieriger wird, eine nachhaltig erfolgreiche Karriere aufzubauen.
Die Frage ist: Über welche Kanäle erreicht eine junge Künstlerin bzw. ein junger Künstler seine (zukünftigen) Fans? Soll der Gradmesser des Erfolgs etwa gleichzeitig der Türöffner zum Erfolg sein? Will sagen: So manches Label nimmt ein Talent nur dann unter Vertrag, wenn die Fans, also die Social-Media-Follower, gleich mitgebracht werden. Sofern deren Zahl nicht mindestens sechsstellig ist, wird dankend abgewunken. Das war’s dann mit der Karriere.
Doch es tut sich was. Zum Beispiel durch den BVMI, der sich regelmäßig mit der Politik austauscht, um Veränderungen herbeizuführen. So wie vorvergangene Woche im Rahmen einer Gesprächsrunde mit Kulturstaatsminister Wolfram Weimer im Kanzleramt. Thema: Musikstreaming. Wie lässt sich da eine gerechtere Vergütung erreichen? Die Musikerinnen und Musiker haben durchaus Antworten. So wie Herbert Grönemeyer und die Singer-Songwriterin Balbina, die für ein sogenanntes User-Centric Payment eintreten. Demnach würden die Abogebühren der Hörerinnen und Hörer anders als bisher (zum Beispiel bei Spotify) nur an die Acts verteilt, deren Musik sie auch wirklich gestreamt haben.
Die Probleme sind also bekannt. Von schlechter Streaming-Vergütung bis zu den Herausforderungen durch KI-generierte Fake-Musik. Oder die zum Teil unfassbaren Kostensteigerungen im Tourneegeschäft. Wie auch immer, jetzt gilt es, zusammenzurücken und die Probleme anzupacken. Das ist zugegebenermaßen leicht gesagt. Denn Probleme lassen sich nun mal nicht durch bloße Appelle beseitigen.
Aber es gibt ja auch viel Positives. Zum Beispiel die Arbeit der GEMA. Dass die als Verwertungsgesellschaft Urheberinnen und Urhebern die ihnen zustehenden Tantiemen zukommen lässt, ist überlebenswichtig. Auch vor diesem Hintergrund gewinnt der von der GEMA im Februar zum insgesamt 17. Mal verliehene Deutsche Musikautor*innenpreis zunehmend an Bedeutung. Das war einmal mehr eine erstklassige Veranstaltung.
Diesen Mittwoch nun wurde in Berlin zum dritten Mal der Musikpreis Polyton verliehen. Ein Award von Musikschaffenden für Musikschaffende, hinter dem die Akademie für Populäre Musik (AfPM) steht. Zu deren Gründungsmitgliedern gehören neben Herbert Grönemeyer und Balbina auch so unterschiedliche Künstlerpersönlichkeiten wie Shirin David, Roland Kaiser, Karo Schrader und Annett Louisan sowie der Kulturmanager Dieter Gorny. „Wir wünschen uns, dass wir in den Kommerz auch noch ein bisschen mehr Qualität pushen können und ein bisschen mehr Vielfalt“, so AfPM-Sprecherin Balbina diese Woche in einem RBB-Interview zum Thema Polyton.
Die entscheidenden positiven Impulse der zeitgenössischen Popmusik gehen nicht zuletzt auch von einer neuen Künstlergeneration aus. Ich denke da an Musikerinnen und Musiker wie Betterov, Zartmann, Nina Chuba, Ayliva, Paula Hartmann, die Band Provinz und viele andere. Sie alle sind hyperbegabt und sehr erfolgreich, weil sie wissen, was sie wollen.
Höchst beeindruckt hat mich beispielsweise das Konzert, das der Singer-Songwriter Betterov kürzlich in Köln gab. Das Carlswerk Victoria war ausverkauft und das Publikum sang die meisten Songs ziemlich textsicher mit. Nach dem Auftritt traf ich Betterov backstage und mir wurde rasch klar: Der junge Mann aus der thüringischen Provinz weiß wirklich, was er will. Dabei wirkt er in keiner Weise arrogant oder großspurig. Im Gegenteil! Aber er arbeitet sehr zielbewusst an seiner Karriere – mit hervorragenden Texten, guten Melodien und einer kompakten Band.
Betterovs Publikum schätzt dieses Gesamtpaket sehr. Da ist nicht nur die einschlägige Popkritik angetan. Auch die „Tagesschau“-Redaktion widmete Betterov zur aktuellen Tour einen Beitrag. Das „heute-journal“ berichtete ebenfalls über ihn. Und bei Deutschlandfunk Kultur ist er sowieso Stammgast. Zu Recht! Es gibt sie also noch – spannende, relevante und junge Popmusik. Totgesagte leben nun mal länger.
Ich wünsche Ihnen ein weiterhin schönes Wochenende!
Alexander Elbertzhagen
(Herausgeber smalltalk)
PS. Diese Woche lief „Horst Schlämmer sucht das Glück“ in den Kinos an. Das werde ich mir auf jeden Fall noch anschauen. Zu den Stars des Films gehört neben Hape Kerkeling übrigens Berlinale-Gewinnerin Meltem Kaptan, die wir von Kick-Media schon lange begleiten dürfen. Meltem ist einfach eine begnadete Schauspielerin und überhaupt ein wundervoller Mensch. Was sie darüber hinaus als Gewinnerin der ProSieben-Show „The Masked Singer“ bewiesen hat: Sie kann hervorragend singen.
PPS. Ein weiterer Künstler, den ich ihnen ans Herz legen möchte, ist der Pianist Nils Frahm. Bei Arte gibt’s ein Konzert, das im März 2024 in Paris aufgezeichnet wurde. Frahm verbindet neoklassische Klavierklänge mit analoger und digitaler Elektronik zu einer ganz eigenen Klangwelt. Wie ein musikalischer Zauberer bespielt er bei seinen Auftritten alle Instrumente und Gerätschaften gleichzeitig. Als Solist! Aber ohne Gehabe und prätentiöses Gehampel! Ich finde das ungeheuer aufregend und zugleich sehr entspannend. Gut, Nils Frahm gilt sicherlich nicht mehr als Geheimtipp – aber seine Musik ist immer noch geheimnisvoll und absolut magisch.


