Nach Wolfgang Niedecken und Herbert Grönemeyer feierte nun auch Udo Lindenberg einen runden Geburtstag. Alle drei haben Deutschland nicht nur musikalisch, sondern auch politisch geprägt. Jüngere Acts übten diesbezüglich lange Zurückhaltung. Doch es tut sich was. Kick-Media-Vorstandschef Alexander Elbertzhagen findet, das Rock und Rebellion zusammengehören und fordert: Traut euch was! Er selbst traute sich aus gegebenem Anlass zunächst einmal an selbstgemachten Eierlikör. Foto © NDR/ARD/Tine Acke
Nach Wolfgang Niedecken und Herbert Grönemeyer feierte nun auch Udo Lindenberg einen runden Geburtstag. Alle drei haben Deutschland nicht nur musikalisch, sondern auch politisch geprägt. Jüngere Acts übten diesbezüglich lange Zurückhaltung. Doch es tut sich was. Kick-Media-Vorstandschef Alexander Elbertzhagen findet, das Rock und Rebellion zusammengehören und fordert: Traut euch was! Er selbst traute sich aus gegebenem Anlass zunächst einmal an selbstgemachten Eierlikör.
Liebe Freundinnen und Freunde des smalltalk,
in diesem Frühjahr feierten sie alle runde Geburtstage: Am 30. März wurde Wolfgang Niedecken 75, Herbert Grönemeyer beging am 12. April seinen Siebzigsten und vergangenen Sonntag machte Udo Lindenberg die 80 voll. Bei Marius Müller-Westernhagen dauert es noch ein bisschen bis zum nächsten runden Wiegenfest. Aber wie auch immer: Die Großen der deutschsprachigen Pop- und Rockmusik sind noch da und immer noch sehr aktiv.
Sie sind groß, weil sie mehr erreicht haben, als Hits in den Charts unterzubringen. Sie haben mit ihrer Musik Deutschland verändert, weiterentwickelt, Debatten angestoßen, Gegenwart und Zukunft gestaltet. Und sie tun das bis heute. Das funktioniert vor allem über die Sprache. So brachte Udo Lindenberg dem Rock’n’Roll endlich Deutsch bei – und umgekehrt hat sich auch was getan. Ohne Udo wäre unsere Sprache heute um einiges ärmer. Auf alle Fälle gilt bei ihm: „Ich mach‘ mein Ding, egal was die andern labern.“
Mit „Flugzeuge im Bauch“, „Sekundenglück“ oder Formulierungen wie „Bleibt alles anders“ hat Herbert Grönemeyer ebenfalls sprachliche Bilder und Vorstellungen geschaffen, die weit über die jeweiligen Songs hinaus wirken. Und BAP-Mastermind Wolfgang Niedecken schreibt und singt im für viele außerhalb des Rheinlandes nur schwer zu dekodierenden Kölsch. Er wird aber überall im deutschen Sprachraum verstanden.
Dass Lindenberg, Grönemeyer und Niedecken die musikalischen Helden verschiedenster Generationen sind, hat auch immer etwas damit zu tun, dass sie sich in ihren Liedern, und nicht nur da, immer wieder auch politisch äußern. Das war und ist für sie selbstverständlich. Rockmusik als Freiheitsversprechen trägt das Aufbegehren gegen Missstände nun mal in ihrer DNA. Auch dann, wenn es vermeintlich um ganz andere Dinge, zum Beispiel ein Liebeslied, geht. Bis heute ist Rock vor allem dann ganz und gar bei sich, wenn die Rebellion nicht zu kurz kommt.
Diese revolutionäre Basis (und damit Wille und Vorstellung von Innovation) ist in der deutschen Singer-Songwriter-Szene zwischenzeitlich ein wenig in den Hintergrund gerückt. Allenfalls war das Rebellentum Teil einer sexy Attitüde. Die Bereitschaft, mit seinem guten Namen für Gerechtigkeit, für Demokratie und Miteinander, gegen Spießigkeit, Ausbeutung oder Krieg anzusingen, schien mir nicht mehr besonders ausgeprägt. Stattdessen ging es um mehr oder weniger intime Befindlichkeiten oder sogar um die stumpfe Verherrlichung von Ignoranz, Gewalt und Egoismus.
Zum Glück hat sich da mittlerweile einiges getan. Und auch viele junge Künstlerinnen und Künstler zeigen, dass es anders geht. Sie zeigen wieder Haltung. In ihren Songs, mit Aktionen und öffentlichen Statements.
So setzt die Band Kraftklub aus Chemnitz immer wieder Zeichen gegen Rechtsextremismus und rechte Gewalt. Ihre Kölner Kollegen von AnnenMayKantereit oder Provinz aus Oberschwaben sind ebenso alles andere als unpolitisch. Ganz zu schweigen von dem Singer-Songwriter Betterov aus Thüringen. Bei ihm hat selbst die innigste Nabelschau politische und gesellschaftskritische Power. Hinzu kommen weitere junge Superstars wie Nina Chuba, Zartmann oder Ikkimel. Letztere ist für viele eine einzige politisch unkorrekte (und damit politische) Provokation.
Wie wäre es, wenn sich in der deutschsprachigen Szene mehr junge Acts der rebellischen Kraft der Musik bewusst würden? Allen Shitstorm-Befürchtungen zum Trotz. Traut euch was! Die Themen sind doch da: Regierungsversagen in Deutschland, Rechtsextremismus, soziale Gerechtigkeit, Donald Trump, Krieg u.v.m.
In den USA ist es Bruce Springsteen, der seine Stimme gegen Trump und den MAGA-Wahnsinn erhebt; der altgediente Fahrensmann der Rockmusik. Oder denken Sie an die Auftritte von Megastar Bad Bunny. In dieser Größenordnung ist in Deutschland noch Luft nach oben. Die Macht der Musik und des durch Musik transportierten Wortes ist hierzulande etwas, was es im großen Stil wieder neu zu entdecken gilt. Aus der Ecke der älteren Kollegen deutet sich für Ende des Monats einiges an: Dann erscheint das letzte Studioalbum der Toten Hosen. Dafür hat die Band ein Stück mit Liedermacherlegende Wolf Biermann aufgenommen. Wir dürfen gespannt sein. Nicht nur an Tagen wie diesen.
Ich wünsche Ihnen ein weiterhin schönes Pfingstwochenende!
Alexander Elbertzhagen
(Herausgeber smalltalk)
PS: Eindrucksvolle Einblicke in Werk und Wirkung deutschsprachiger Singer-Songwriter verschaffen derzeit einige sehenswerte Dokumentationen in der ARD-Mediathek. Die Jubilare Grönemeyer und Lindenberg sind jedenfalls dabei. Außerdem läuft „Die Toten Hosen – das letzte Album“ und am 28. Mai folgt „Mit dem Herz in der Hand“, eine Doku über die Sportfreunde Stiller, die es jetzt auch schon seit 30 Jahren gibt.
PPS: Udo Lindenberg wirkt immer inspirierend. Das war auch an seinem Geburtstag nicht anders. Mich inspirierte er zu einem Fläschchen Eierlikör. Nicht, dass ich ein solches leergetrunken hätte – vielmehr habe ich eine entsprechende Menge selbst hergestellt. Acht Eigelb, 250 Gramm Puderzucker, 0,3 Liter Sahne, 0,2 Liter Kondensmilch, ein wenig Vanille und dann Alkohol. Bei mir waren es etwa 0,25 Liter Wodka. Funktioniert mit weißem Rum genauso. Man könnte das Ganze zudem mit einem Schuss Amaretto veredeln, geht aber auch ohne. Das Ergebnis passt in eine 0,75-Liter-Flasche. Zu Udos Ehrentag gab es daraus ein leckeres Gläschen.
