Kick-Media-Vorstandschef Alexander Elbertzhagen macht sich Gedanken über die gerade eröffnete Fußball-WM und über mögliche Alternativen zur Dauerpräsenz des runden Leders. Er empfiehlt das mit seiner Nationalelf nicht für das Turnier qualifizierte Italien – genauer gesagt die Insel Capri, die mit ihrer prächtigen Landschaft und ihren attraktiven Bauten schon als Kulisse für etliche Filme diente. Auch der Godard-Klassiker „Die Verachtung“ aus dem Jahr 1963 wurde dort gedreht.
Liebe Freundinnen und Freunde des smalltalk,
jetzt können wir uns auf ein längeres Sommerspektakel einstellen. Der Ball rollt. Die Fußball-WM ist so groß wie nie zuvor, erstreckt sich über drei Länder und wie man jetzt schon ahnen kann, werden die Marktanteile der jeweils ausstrahlenden Sender enorm sein. Das deutete sich schon beim letzten Testspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die USA an, das RTL in der Spitze fast neun Millionen Zuschauer und mehr als 60 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen einbrachte. Zum eigentlichen Turnier übernehmen allerdings andere die Federführung. Allen voran MagentaTV, das alle 104 WM-Partien live übertragen wird, und die Öffentlich-Rechtlichen. Das ZDF konnte schon gleich mit dem Eröffnungsspiel am Donnerstagabend zwischen Mexiko und Südafrika die Zehn-Millionen-Zuschauermarke übertreffen.
Sie werden uns alle verfolgen, diese Spiele, wo auch immer sie ausgestrahlt werden. Und es wird trotz aller Diskussionen um Infantino, Trump und Co. wohl auch echte WM-Stimmung aufkommen. Wir freuen uns darauf, auch wenn die Public-Viewing-Veranstaltungen wohl nicht mehr so groß und zahlreich sein werden wie in früheren Zeiten. Wer das sportliche Großereignis hingegen nicht so intensiv verfolgen will, kann ja zum Beispiel nach Italien fahren. Die „Squadra Azzurra“ hat sich zum dritten Mal in Folge nicht für die Weltmeisterschaft qualifiziert. Daher wird sich auch die WM-Begeisterung des italienischen TV-Publikums wohl in Grenzen halten.
Mein Vorschlag für ein Reiseziel wäre die bezaubernde Insel Capri. Wer dorthin reist, wird erstens auf eine wunderschöne Landschaft stoßen und zweitens aber auch auf ein Preisniveau, das wir in dieser Höhe in Deutschland so nicht kennen. In jedem Fall ist Capri auch schon immer ein Anlaufpunkt für Künstler und andere schillernde Figuren gewesen. Bisweilen wurden sie hier von der Muse geküsst und ließen sich von dem Land, wo die Zitronen blühen, inspirieren. Das gilt auch für den legendären französischen Filmemacher Jean-Luc Godard, der Anfang der 1960er-Jahre „Die Verachtung“ mit Brigitte Bardot und Michel Piccoli auf Capri drehte – und zwar in der spektakulären, zweigeschossigen Villa Malaparte. Deren Namensgeber Curzio Malaparte, italienischer Schriftsteller mit deutschen Wurzeln, ließ sie Ende der 1930er-Jahre auf einem Felsen an der Ostküste der Insel errichten.
Schon 40 Jahre zuvor hatte der schwedische Arzt und Autor Axel Munthe auf der Insel seine Traumvilla gebaut, die auch titelgebend für seine Lebenserinnerungen „Das Buch von San Michele“ war. Darin beschreibt er sich selbst als eine Art Künstler und Freigeist: Love, Peace and Happiness. Zu den prominenten Besuchern in San Michele gehörte übrigens auch der österreichische Lyriker Rainer Maria Rilke, der im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts einige Zeit auf Capri verbrachte und dort u.a. sein „Lied vom Meer“ verfasste. Zu jener Zeit gab es auf der Insel auch eine regelrechte – und so von Walter Benjamin benannte – deutsche Welle mit Gründungen von Brauhäusern und Restaurants, die zum Beispiel „Zum Kater“ hießen.
Der Industrielle und Naturforscher Friedrich Alfred Krupp gehörte zur damaligen Jahrhundertwende ebenfalls zu den prominenten Capri-Liebhabern und ließ dort die Serpentinenstraße „Via Krupp“ bauen. Allerdings fand er ein tragisches Ende. In den Geschichtsbüchern heißt es, dass in Deutschland veröffentlichte Berichte über seine angeblich auf Capri ausgelebte Homosexualität Krupp in den Tod getrieben haben sollen.
Weit weniger dramatisch verlief der Besuch von Wladimir Iljitsch Lenin auf der Insel. Der russische Revolutionär verbrachte nur wenige Wochen auf Capri, um den dort im Exil lebenden Schriftsteller Maxim Gorki zu besuchen. Offenbar lang genug, um nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen: Bis heute gibt’s auf Capri eine Lenin-Gedenkstätte in den Augustusgärten. Auch an Gerhard Winkler, den Komponisten des berühmten Schlagers „Capri-Fischer“, wird auf der Insel erinnert. Er wiederum ließ sich bei der künstlerischen Arbeit nicht von der Atmosphäre vor Ort, sondern von seiner Vorstellungskraft leiten. Erst 1953 war Winkler zum ersten Mal auf Capri – zehn Jahre nach dem Erscheinen des Liedes.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen noch ein schönes Wochenende!
Alexander Elbertzhagen
(Herausgeber smalltalk)
PS: Auf Capri zu empfehlen ist das Restaurant „Il Geranio“. Von dort hat man einen wunderbaren Blick auf die berühmten Faraglioni-Felsen, die schon in zahlreichen Filmen, TV-Sendungen und Werbespots zu sehen waren.
PPS: Übrigens kann man auch in Norddeutschland einen schönen Limoncello trinken – in dem von Fachmedien hochgelobten „Gasthaus Müller“ in Barsinghausen bei Hannover. Auch ein Limoncello Spritz ist empfehlenswert. Dazu gehört ein trockener, sehr trockener Sekt brut – nicht dry. Das kann man sich natürlich auch zu Hause mischen… und sich dann wie auf Capri fühlen.
