HP_Aufmacher_Entfuehrung aus dem Serail_Foto_ZDF_Stephan Rabold
Die Berliner Inszenierung von Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ gibt’s noch bis heute als Stream bei Bild+ und Ende des Monats zur Primetime bei 3sat. Für Kick-Media-Vorstandschef Alexander Elbertzhagen ist das eine schöne Alternative zum Thema Fußball. Das gilt aus seiner Sicht vor allem angesichts einer WM, in der eine eigentlich international anerkannte regelbasierte Ordnung ins Wanken geraten ist.
Liebe Freundinnen und Freunde des smalltalk,
noch gut eine Woche, dann endet die Fußball-WM. Doch bis zum Finale wird sie wohl in aller Munde bleiben. Dass diesmal so extrem viele Teams am Start waren, hat nicht alle erfreut, aber aus Sicht vieler Nationen, die ansonsten chancenlos geblieben wären, war das doch eine feine Sache. Aber es gab auch viele Skandale, die zudem ebenfalls extrem waren – was weniger fein ist.
Eigentlich ist es schon verwunderlich, dass ein Großteil der Menschheit davon begeistert sein kann, 22 meist sehr jungen Millionären dabei zuzusehen, wie sie einem Ball hinterherlaufen. Vielleicht ist der Fußball aber auch so erfolgreich, weil es hier, anders als bei vielen anderen menschlichen Aktivitäten, auf der Basis eines festen Regelwerks noch gerecht zugeht… Wobei allerdings auch beim Fußball längst klar sein dürfte: Das war einmal.
Nach Trumps und Infantinos Kartenspiel sehen viele rot
Spätestens seit US-Präsident Trump offenbar FIFA-Präsident Infantino angerufen und mit ihm über die Auslegung einer Regel gesprochen hat, ist alles anders. Das Telefonat hatte Folgen für das Spiel von Trumps Team gegen Belgien und es hat weiterhin Folgen für die Glaubwürdigkeit der FIFA (falls es die noch gab). Jedenfalls sahen und sehen nun weltweit viele, dem Fußball sehr zugeneigte Menschen, rot.
Trotzdem ist natürlich nicht damit zu rechnen, dass durch Skandale wie diese die Dominanz des Fußballs im Sport und in der Unterhaltung gebrochen würde. Dazu ist das Ganze für die Fans einfach zu groß. Wie WM-Rechteinhaber MagentaTV Anfang der Woche bekannt gab, erreichte die Telekom-Plattform mit ihren WM-Übertragungen bis zum Abschluss des Sechzentelfinales die Marke von mehr als 150 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern. Diese Menschen sehen eben nicht rot, sondern magenta. Das liegt am Fußball, aber auch an der Umsetzung bei der Präsentation. Ich denke, wenn die deutsche Nationalmannschaft im übertragenen Sinne auf dem Niveau von MagentaTV gespielt hätte, wäre sie jetzt noch im Rennen.
Mozart bei „Bild“: Die Entführung aus der Klassik-Blase
Die „Bild“-Zeitung, die dem Thema Fußball täglich viel Platz einräumt, versucht gerade ein potenziell massenkompatibles Alternativprogramm. Am Mittwochabend streamte sie live aus der Berliner Staatsoper Unter den Linden Wolfgang Amadeus Mozarts Klassiker „Die Entführung aus dem Serail“. Ausgerechnet Oper! Also etwas, was bislang eher mit dem Begriff „elitär“ in Verbindung gebracht wird. Und das in Kombination mit „Bild“! Vielleicht hat auch da der eine oder andere Rot gesehen.
In der von Springer für Bild+ ausgewählten Berliner Inszenierung von Andrea Moses wirkt Comedy-Star Bülent Ceylan als Bassa Selim mit. Eine Sprechrolle. Ceylan agiert als Kommentator und Moderator zwischen der dargestellten Vergangenheit des Stücks und unserer Gegenwart. Als Vermittler zwischen Kulturen und zwischen kulturellen Milieus. Nach dem Stream feierte „Bild“ das Ganze selbstverständlich als Erfolg und konstatierte: „Große Oper ist längst nicht nur etwas für eingefleischte Klassik-Fans.“ Bülent Ceylan habe gezeigt, „dass Humor und Hochkultur wunderbar zusammenpassen“. Das dürfte stimmen. Allerdings auch ohne „Bild“-Stream.
Springer-Chef Mathias Döpfner, bekanntlich ein promovierter Musikwissenschaftler, schrieb letzte Woche dazu: „Oper ist nicht elitär, sondern populär.“ Für ihn seien „Bild“ und Oper ziemlich ähnlich. Mit Blick auf Letztere stellte er fest: „Sie greift mitten ins Leben. Sie schildert Dramen vor allem von Liebe und Tod. Sie verkürzt, personalisiert und emotionalisiert. Sie stimuliert den Verstand, aber vor allem berührt sie das Herz.“
Mit Fan-Schal in die Oper?
Wenn dem so ist, dann sind sich Fußball und Oper ebenfalls ziemlich ähnlich. Zumindest „Die Entführung aus dem Serail“ habe auch ein Publikum begeistert, das bisher mit Oper kaum etwas habe anfangen können, so „Bild“. Nur so eine Idee: Vielleicht besteht ja nun die Möglichkeit, dass besagtes Publikum demnächst mit oder ohne Fan-Schal die Ränge der Opernhäuser stürmt.
Vom Erlebniswert her ist der Besuch einer Oper auf jeden Fall eine passable Alternative zum ewigen Fußballgucken. Überhaupt hat „Bild“ bei der Gelegenheit mal die vom Deutschen Bühnenverein vorgelegten Besucherzahlen von Oper, Theater und Musical mit der Zahl der Zuschauer bei Spielen der Fußballbundesliga (ermittelt von transfermarkt.de) verglichen. Für die Spielzeit 2023/24 kamen die Bühnen demnach auf 20 Millionen und die Stadien auf 13 Millionen.
Bleibt die Frage: Ob Springer auch die Zahlen des Mozart-Streams veröffentlicht? Noch bis einschließlich heute ist die Aufzeichnung gegen Gebühr bei BILD+ verfügbar. Am 25. Juli steht sie dann in der Primetime frei zugänglich bei 3sat auf dem Programm.
Ich wünsche Ihnen ein weiterhin schönes Wochenende!
Alexander Elbertzhagen
(Herausgeber smalltalk)
PS: Mozart soll übrigens ein großer Kaffeeliebhaber gewesen sein. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich Kaffee zu einem ausgesprochenen Modegetränk. Bach hatte zuvor sogar eine „Kaffeekantate“ komponiert. Auch zu Mozarts Zeit galt ein Tässchen Mokka als ziemlich cool. Das koffeinhaltige Modegetränk unseres gegenwärtigen Sommers dürfte ein Espresso Macchiato mit einem Eiswürfel sein.
PPS: Eine traurige Meldung erreichte uns am Donnerstag: der Tod von Pop-Legende Bonnie Tyler. Mit ihren Hits begeisterte die stolze Waliserin die Welt. Ihr Lieblingsgetränk war weniger der Kaffee. Bekanntermaßen bevorzugte sie Rotwein. Was weniger bekannt ist: Bonnie Tyler war die erste, die die Rock-Hymne „The Best“ als Single veröffentlichte. Das war 1988. Zu einem Welthit wurde die Nummer dann ein Jahr später: in der Coverversion von Tina Turner.
