Eine Influencerin ist spurlos verschwunden. Ihre besorgte Schwester begibt sich auf eine spannungsgeladene Suche. In „Keine Angst, Darling“ (Bastei Lübbe) nimmt Bestseller-Autorin Vera Buck die Tradwife-Szene in den Blick und greift dabei auf persönliche Erfahrungen zurück. Foto © Rafael Dos Santos
Eine Influencerin ist spurlos verschwunden. Ihre besorgte Schwester begibt sich auf eine spannungsgeladene Suche. In „Keine Angst, Darling“ (Bastei Lübbe) nimmt Bestseller-Autorin Vera Buck die Tradwife-Szene in den Blick und greift dabei auf persönliche Erfahrungen zurück.
Viel wird heutzutage über Rollenbilder der 50er Jahre gelacht. Zum Beispiel in der französisch-belgischen Kinokomödie „Die progressiven Nostalgiker“ von Vinciane Millereau. Die Story katapultiert eine nicht ganz so heile Familie aus der ach so geordneten Wirtschaftswunderzeit ins Chaos unseres Hier und Jetzt. Und dann das Thema Tradwives. Ob das allerdings wirklich so lustig ist? Die mehrfach für den Friedrich-Glauser-Preis nominierte Bestseller-Autorin Vera Buck hat da offenbar ihre Zweifel. In ihrem neuen, bei Bastei Lübbe erschienenen Roman „Keine Angst, Darling“ beschreibt sie die dunkle Seite des Tradwife-Trends.
Hinter der Fassade einer von vermeintlicher Tradition geprägten Schein-Idylle herrschen bei Buck strenge Regeln, bedingungsloser Gehorsam und dann häusliche Gewalt. Dabei entwickelte die Autorin das Szenario ihres Buches keineswegs aus purer Fantasie. Laut Bundesfamilienministerium wird in Deutschland jede dritte Frau mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von physischer bzw. sexualisierter Gewalt. Und Vera Buck weiß, was das bedeutet. Sie ist die Tochter eines Polizisten, „der viele Jahre lang auf den Bereich häusliche Gewalt spezialisiert war“, schreibt sie im Nachwort.
Traurige und oft frustrierende Geschichten habe ihr Vater zu Hause erzählt, sodass sie mit der Problematik aufgewachsen sei. Die Frage, warum sich Frauen trotz schrecklicher Gewalterfahrungen wieder in eine für sie bedrohliche Partnerschaft begeben, verknüpfte sie mit dem Unverständnis dafür, sich freiwillig erdrückenden Rollenbildern der 50er-Jahre zu unterwerfen. Vera Bucks Antworten sind nicht einfach, nicht Schwarz-Weiß – aber höchst spannend. Schließlich ist „Keine Angst, Darling“ keine sozialpsychologisch-feministische Abhandlung, sondern vor allem ein packender Thriller.
Protagonistin des Ganzen ist Paula, verheiratet, Mutter dreier Jungs, berufstätig. Sie steht also mitten im Leben. Ihr Alltag: der ganz normale Wahnsinn des 21. Jahrhunderts. Anders ihre Schwester Lea. Die lebt ein augenscheinlich perfektes Luxusleben in Florida. Ihr persönliches Paradies vermarktet sie als Tradwife-Influencerin via Social Media. Doch eines Tages herrscht Funkstille im Puppenheim. Ab jetzt gibt’s keine neuen Videos mehr. Lea ist spurlos verschwunden. Paula beginnt mit der Suche nach ihrer Schwester und entdeckt bald eine finstere Sphäre merkwürdiger Männerfantasien und ungeahnter Abgründe.
Vera Buck bleibt dicht an ihren Figuren und gestaltet die Handlung durch temporeiche Schilderungen und immer wieder eingestreute persönlichen Notizen, Transkripte von Podcasts und Videos oder Auszügen aus Instagram-Feeds. Dieser Mix unterschiedlichster Formate kurbelt die Fantasie der Leserinnen und Leser zusätzlich an und intensiviert die Nähe zu den Figuren. Plötzliche Wendungen sorgen für zusätzliche Spannung. All das zusammen macht „Keine Angst, Darling“ zu einem packenden Leseerlebnis.
