Aus Alt macht Neu – mit freundlicher Unterstützung von Künstlicher Intelligenz. War das entsprechende Projekt von RTL und Constantin Entertainment zu „Ulrich Wetzel – Das Strafgericht“ tatsächlich ein Meilenstein für das deutsche Free-TV? Kick-Media-Vorstandschef Alexander Elbertzhagen macht sich darüber Gedanken und blickt auch auf die weiteren Perspektiven im Zusammenspiel zwischen Kunst und KI.
Liebe Freundinnen und Freunde des smalltalk,
KI ist aus vielen Bereichen nicht mehr wegzudenken. Auch in Kunst und Kultur ist die Künstliche Intelligenz mittlerweile allgegenwärtig. Maler lassen sich von ihr inspirieren, Fotografen verleihen ihren Werken damit neue Dimensionen. Auch Songs werden mit KI generiert und verändert. Und da, wo es verboten ist, kauft man einfach die gesamten Rechte, also Urheberrechte und Leistungsschutzrechte, und kann dann die Veränderung zulassen. In jedem Fall wird über das Thema KI lebhaft diskutiert – und das ist auch gut so. Es ist wichtig, die Chancen, die die neue Technologie bietet, zu nutzen. Auf der anderen Seite gilt es aber auch, damit verbundene Risiken und Gefahren im Blick zu haben. Mittlerweile plädieren sogar die Chefs führender Unternehmen wie OpenAI und Anthropic dafür, die Weiterentwicklung von KI-Modellen stärker zu kontrollieren und zu verlangsamen.
Eine wichtige Voraussetzung für die sachliche Diskussion über Künstliche Intelligenz ist in jedem Fall der transparente Umgang mit ihrem Einsatz. Mittlerweile ist eine europäische KI-Verordnung in Kraft getreten, die zum Beispiel die Kennzeichnungspflicht von entsprechend generierten oder bearbeiteten Bildern regelt. Auch die Musikindustrie hat sich auf die Einführung von KI-Logos für digitale Plattformen verständigt. Im Journalismus ist es gang und gäbe, auf Texte hinzuweisen, die mit technologischer Unterstützung kreiert wurden. Auch im Fernsehen geht man mit dem Einsatz von KI-Elementen offen um, aktuell etwa in Form entsprechender Einblendungen in der ProSieben-Show „The Masked Singer“.
Wie witzig KI sein kann, bewies nicht zuletzt RTL unlängst mit den Werbebildern zur „Jetski Star WM“, auf denen Initiator Stefan Raab ein beeindruckend gestählter Oberkörper mitsamt Sixpack gezaubert wurde. Weniger amüsant geht es unterdessen aus Sicht der Kreativen zu, wenn die Gefahr besteht, dass sie von der Künstlichen Intelligenz verdrängt werden. Somit sorgte RTL vor wenigen Wochen auch mit einem Projekt für Aufsehen, das vom Sender und der Produktionsfirma Constantin Entertainment als „KI-Meilenstein für das deutsche Free-TV“ eingestuft wurde. Es handelte sich um neu aufbereitete Folgen des Scripted-Reality-Formats „Ulrich Wetzel – das Strafgericht“. Durch den Einsatz generativer KI wurden hier u.a. neue Charaktere in Szenen aus früheren Folgen eingepasst sowie Dialoge und ganze Handlungsverläufe verändert.
Auch Aussagen der Titelfigur Ulrich Wetzel wurden zum Teil künstlich neu generiert, um sie den veränderten Erzählsträngen anzupassen – natürlich in Abstimmung mit dem Juristen selbst, wie der Sender betont. Und genau hier liegt der Punkt, an dem solche Innovationen (die ja auch kostengünstig sind) problematisch werden können: Wenn sie eben nicht unter Einbeziehung der Kreativen durchgeführt werden. Der Bundesverband Schauspiel (BFFS) zum Beispiel setzt sich schon seit längerer Zeit dafür ein, dass die Leistungen von Schauspielerinnen und Schauspielern nicht ohne deren Einverständnis digital nachgebildet werden dürfen.
Doch letztlich kommt es auch in der neuen Welt der Kunst auf jene Dinge an, die keine Technologie mal eben so einfach imitieren kann. Sting brachte es unlängst in einem BBC-Interview auf den Punkt, als er erklärte, dass KI-generierte Musik die Songs echter Menschen nie ganz ersetzen könne. „KI wurde noch nie das Herz gebrochen, sie hat keine eigene Geschichte. Sie hat nur eine geliehene Geschichte. Deshalb hört man eigentlich gar keinen richtigen Song.“ In diesem Sinne: Es gilt, die wirtschaftlichen und auch kreativen Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz auszuschöpfen. Aber wir brauchen mehr denn je auch eigenständige Schauspielpersönlichkeiten, eigene Songs und starke Charaktere. Vor allem das Live-Erlebnis ist durch nichts zu ersetzen. Oder sollte das „HeidiFest“ gar eine KI-generierte Sendung gewesen sein?!? Dann war es auf jeden Fall ein gutes Testobjekt.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen noch ein schönes Wochenende!
Alexander Elbertzhagen
(Herausgeber smalltalk)
PS: Die Kunst des Cocktail-Mixens wird wohl bis auf Weiteres in den Händen versierter Barkeeper bleiben und nicht von KI übernommen werden. In diesem Zusammenhang ist der „Cosmopolitan“ als Aperitif zu empfehlen – schön kalt, geschmacksintensiv und quasi „erfrischend“. Dabei kann man sich aussuchen, ob es lieber die moderne Rezeptur mit Wodka oder die klassische Variante mit Gin sein soll.
PPS: Wenn man Bier trinkt, sollte man in diesen Tagen ein Warsteiner wählen, denn der traditionsreichen Brauerei geht es (wie vielen anderen in Deutschland) nicht sehr gut. Am Stammsitz im Sauerland soll rund jede sechste Stelle wegfallen. So etwas tut immer weh.
