smalltalk-Interview MaximoPark © Steve Gullick

24. April, 2017

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Paul Smith: „Ein weiteres Kapitel im großen Buch von Maxïmo Park“

24. April 2017 – Sei es der Brexit, die Flüchtlingskrise oder die noch junge US-Regierung unter Donald Trump: Seit dem letzten Album „Too Much Information“ haben sich Maxïmo Park über viele weltpolitische Veränderungen Gedanken gemacht – Themen, mit denen sich Sänger und Texter Paul Smith nun auf „Risk to Exist“, dem am 21. April 2017 erschienenen sechsten Album der Indie-Rocker, beschäftigt. Wie es dazu kam, warum man sich dazu entschloss, das gesamte Album live einzuspielen und was die band auch nach 14 Jahren noch zusammenhält, erklärt Smith im Interview mit smalltalk-Autor Mark Lederer.

smalltalk: Auf eurem neuen Album „Risk to Exist“ setzt ihr euch mit den aktuellen politischen Problemen auseinander. War die Welt ein besserer Ort, als ihr 2003 mit Maxïmo Park startetet?

Paul Smith: Schwer zu sagen. Kulturell sind wir womöglich weniger tolerant. Aber vielleicht schlummerte all das seit längerer Zeit unter der Oberfläche und bestimmte Ereignisse bewirken nun, dass es hervortritt. Zum Beispiel in England: Unser Land entschloss sich ja bekanntlich, die Europäische Union zu verlassen. Dann diese steigenden rassistischen, fremdenfeindlichen Übergriffe! Vielleicht meinen die Leute ja jetzt, sie hätten eine Lizenz dazu, es auszusprechen. In Amerika erlebt man ja derzeit auch einen sehr rechten Präsidenten, einer der kein Politiker ist und von Reality TV geprägt ist. Dieser erfolgreiche Geschäftsmann will nun ‚Amerika wieder groß machen‘ – als wenn es das nicht vorher schon war. Solche Leute wollen eigentlich Geschichte schreiben. Es ist also schwer zu sagen, ob die Dinge sich so sehr von damals unterscheiden, als wir anfingen. Aber ich denke ganz sicher, dass sich die Sprache verändert hat. Allein wie Sprache heute genutzt wird! Der Mainstream-Diskurs ist definitiv mehr rechtsorientiert – angeblich moderate Leute, die immer wieder das Gleiche sagen. Auf unserem neuen Album fangen wir das Thema im Song „Get High (No, I Don’t)“ auf: dass bestimmte Menschen etwas so oft wiederholen, bis es die Leute schließlich glauben. Das Ganze könnte einen natürlich trostlos stimmen, aber vielleicht ist die jüngere Genration liberaler eingestellt und lässt sich nicht von der rechten Rhetorik anstecken.

smalltalk: Eure erste Single „Risk to Exist“ ist ein Aufruf zu mehr Mitgefühl. Stimmt es, dass ihr einen Teil der Einnahmen der Migrant Offshore Aid Station (MOAS) spenden wollt, die sich für die Seenotrettung von Bootsflüchtlingen einsetzt?

Paul Smith: Ja, das stimmt. Wir fanden, es sei nicht richtig, mit dem Lied Profit zu machen. Besonders, wenn man bedenkt, worum es sich darin dreht. Es handelt davon, sich zu engagieren und Solidarität zu zeigen. Auch, wenn es nicht mehr als eine Geste ist, weil wir wissen, dass wir als Band nicht so viel direkt bewirken können. Dann müssten wir schon aufhören, Musik zu machen und uns beruflich engagieren. Aber vielleicht hat unsere Musik ja wenigstens einen positiven Effekt auf die Hörer, damit wir auf diesem Weg etwas erreichen.

smalltalk: Euer letztes Album „Too Much Information“ kam 2014 heraus. Nach der anschließenden Tour hast du dein Soloalbum gemacht und bist getourt. Machst du eigentlich auch mal Pause?

Paul Smith: Nicht wirklich. (lacht) Ich liebe aber meine Arbeit. Bevor wir die Band gründeten, wusste ich, dass mir auch andere Lebenswege offen stehen würden. Ich war auf der Uni, hab meinen Master und anderthalb Jahre einen anderen Job gemacht. Heute bin ich mir auch darüber bewusst, dass all das hier einfach enden kann, wenn die Leute unsere Platten nicht mehr kaufen. Aber wie man so schön sagt: Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Es gibt so viele Songs zu schreiben und ich liebe es, mit anderen Musikern zusammen zu arbeiten – und Sachen zu entdecken, auf die ich alleine nie gekommen wäre.

Maximo Park - Risk To Exist Album Packshot_kl

Das neue Maxïmo Park-Album „Risk to Exist“ ist seit dem 21. April 2017 im Handel.

smalltalk: Ihr habt Maxïmo Park vor über 14 Jahren ins Leben gerufen und seid immer noch fast in der gleichen Formation. Wie haltet ihr die Band zusammen?

Paul Smith: Ich glaube, viele Bands mögen sich vielleicht selbst nicht. Aber auch wir hatten Höhen und Tiefen. Unser erster Bassist Archis Tiku mochte das Touren einfach nicht und hat sich zur Ruhe gesetzt. Aber das ist in Ordnung. Immerhin ist es eine sehr ungewöhnliche Lebensführung. Allein immer so lange von Zuhause weg zu sein. Auf Tour unternehmen wir übrigens viel zusammen, hören Musik, besichtigen die Städte. Aber wir wissen auch, wann wir uns gegenseitig Zeit und Freiraum geben müssen. Ich gehe zum Beispiel in meiner Freizeit gerne in Kunstgalerien, während Duncan (Duncan Lloyd, der Gitarrist; Anm. d. R.) Plattenläden besucht. Es gab aber auch angespanntere Zeiten, in denen wir über bestimmte musikalische Dinge nicht gesprochen haben. Aber wir sind nun mal Freunde und die schwierigsten Zeiten hatten wir eben dann, als wir nicht über die Sachen sprachen, die uns beschäftigten. Als wir es dann wieder taten, merkten wir, dass die Band es wert ist, für sie zu kämpfen.

smalltalk: Hattet ihr jetzt Druck, nach über drei Jahren ein neues Maxïmo Park-Album abliefern zu müssen?

Paul Smith: Keinen Druck von außen, nein. Je mehr man künstlerisch kreativ sein kann, umso besser. Das ist ja unser eigentliches Ziel. Deshalb hat man die Band ja überhaupt erst gegründet: Um für sich die Freiheit im Leben zu finden und etwas zu erschaffen, das vorher nicht da war. Direkt nachdem wir die letzte Tour beendet hatten und bevor ich mein Soloalbum in Angriff nahm, hatten wir schon ein paar neue Songs geschrieben, um die Sache vorab in Gang zu bringen.

smalltalk: Warum habt ihr in Chicago und nicht in England aufgenommen? Und warum live im Studio?

Unser drittes Album hatten wir bereits in Los Angeles mit Nick Launay aufgenommen, der zuvor mit Nick Cave, Kate Bush oder Public Image Ltd. gearbeitet hatte. Wir wussten also, dass es toll sein würde, außerhalb von England aufzunehmen. Wir hätten die Platte auch in einem moderneren Stil produzieren können. Aber wir hatten noch nie live im Studio aufgenommen und Songs wie „Get High (No, I Don’t)“ oder „Work and then Wait“ hatten das Potenzial, besonders gut zu klingen, wenn wir sie live einspielten. Unser Produzent Tom Schick war da zuvor schon besonders gut drin. Zum Beispiel bei seiner Arbeit mit Wilco hört man einfach, dass eine ganze Band im Raum steht. Er war bei den Aufnahmen derjenige, der entschied, wann ein Lied fertig war. Wir wollten auf unseren Platten aber auch immer schon live klingen, weil wir die Leidenschaft unserer Konzerte, die Identität unserer Band, einfangen wollten. Und da uns viele schon gesagt haben, dass unsere Shows für sie etwas Besonderes sind, haben wir uns jetzt dazu entschlossen. Und für Stücke wie „What Equals Love?“ oder „The Hero“ muss die Band wirklich zusammen sein. Diese Energie können wir nur live erzeugen.

smalltalk: Ist „Risk to Exist“ also die Platte, die ihr immer schon machen wolltet?

Paul Smith: Besonders für mich als Sänger und Texter ist das schwer zu beantworten. Es klingt vielleicht etwas rührselig, aber ich packe so viele Emotionen in die Musik. Doch ich muss schon sagen, dass wir als Band niemals besser klangen. Für mich kommt es bei guter Musik einfach auf den Klang an: Entweder man mag den Sound oder nicht. Genauso verhält es sich mit dem Musikstil. Auf diesem Album sind wir sehr politisch, aus unserer individuellen Sichtweise heraus und mit unserer persönlichen Note. Es spiegelt also auch unsere Gedankenwelt wider. Man muss also eher sagen, dass wir immer genau das Album gemacht haben, das wir am liebsten machen wollten – denn es ist das Beste zu dem wir fähig waren. Ich liebe auch noch heute Sachen von unseren früheren Platten. Ich würde mich niemals von irgendetwas, das wir zuvor gemacht haben, distanzieren wollen. Klar, manchmal sagen wir uns, wir hätten das eine oder andere besser machen können. Zu der Zeit fanden wir aber nun mal, dass es der richtige Weg sein müsste. Und wir sind stolz auf die neue Platte und stehen zu ihr. Ich würde aber nicht so weit gehen, zu sagen, es wäre die beste Version der Band, sondern ein weiteres Kapitel im großen Buch von Maxïmo Park.

smalltalk: Vielen Dank für dieses Gespräch.

Foto: MaximoPark © Steve Gullick

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